“Das ist mein Büro!”, sagte William voller Inbrunst und Stolz am Fuße des Canyons. Zufrieden und glücklich blickte er während er diese Worte aussprach über die umliegenden Felsen, das plätschernde Wasser und die glitzernden Sonnenreflexionen auf dem Wasser dieses noch so jungen Sommermonats. Seinen ganzen Arbeitstag, ich glaube es waren sogar etwas mehr als acht Stunden, verbrachten wir beim Canyoning und sind über Felsen geklettert, durch Felsspalten getaucht und Wasserfälle hinunter gesprungen, ehe es zu diesem Moment kam.

Obwohl William und ich uns erst um acht Uhr im Camp von Grandeur Nature treffen wollten, begann mein Tag extrem zeitig. Zu oft hatte ich die Entfernungen in der Lozère schon komplett falsch eingeschätzt. Ein kurzer Fingerzeig auf der Landkarte bedeuteten hier fast immer ein bis zwei Stunden Fahrt. Dieses Mal sollte ich nicht zu spät kommen, so dass ich mich dazu entschied etwas zeitiger in die schmale und kurvenreiche Morgenrallye aufzubrechen.

Während ich mit schweren Beinen aus meinem Bett krabbelte, blitzen schon die ersten Sonnenstrahlen auf meinen hölzernen Küchentisch. Ein paar Ameisen krabbelten am Nutellaglas, welches ich zum Abendessen beinahe komplett leer gelöffelt hatte, hinunter und rasteten anschließend in der Morgensonne. Mit einem kurzen Blick aus dem Fenster konnte ich einige Hasen im Wald verschwinden sehen und beobachten wie Pferde auf die Koppel gelassen wurden. Hier in Mas de la Barque, in 1.400 Meter Höhe war die Welt anders. Es war, als hätte jemand den Slowmotion-Knopf für eine Weile gedrückt und dann vergessen wieder auf Normalgeschwindigkeit zu stellen.

Kurz nach acht Uhr erreichte ich das Lager von Grandeur Nature. Ben, der Leiter des Ferien- und Abenteuercamps stellte mich vor und gab mir einen türkisch gebrühten Kaffee, den ich erst als solchen erkannte, als ich den Kaffeesatz knirschend zwischen den Zähnen hatte. Aus einem der umliegenden Hütten kamen zwei junge Menschen, die Städter sicher als Aussteiger beschimpft hätten. Eben jene Menschen mit ultralangen Rasterlocken, Ledertäschchen am Gürtel und genug Drehtabak für einen ganzen Winter. Sie kamen herüber und wir unterhielten uns über unsere Herkunft: Spanien, Norwegen, Italien, Polen; die Naturburschen, die für Grandeur Nature arbeiteten kamen aus ganz Europa. Sie hatten es irgendwann satt gehabt an nur einem Ort zu leben. Und schließlich brachen sie aus Lust am Entdecken der Welt auf und arbeiteten an diversen Orten in diversen Jobs. William war einer von Ihnen und betrat als letzter unsere kleine Runde. Er kommt ursprünglich aus Spanien, hat aber inzwischen fast die halbe Welt bereist. Seit beinahe fünf Jahren ist er jetzt bei Grandeur Nature und mehrmals die Woche beim Canyoning, Klettern oder Kanufahren unterwegs durch die grüne Landschaft der Lozère. Die kalten europäischen Winter verbringt er ohne Ausnahme in Thailand: Zum Klettern natürlich.

„Warum soll ich den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, wenn ich auch an der frischen Luft im Canyon des Chassezac sein kann.“, nennt er als Totschlagargument für seinen Job. Er liebt es den Leuten die Natur zu zeigen und sie dazu zu bringen an ihre körperlichen Grenzen zu gehen. Er liebt es durch den Wald zu wandern, an steilen Felswänden hinauf zu klettern oder sich von der Strömung des Chassezac treiben zu lassen. Er liebt es so sehr, dass er sich jeden Morgen erneut, kein bisschen weniger als beim ersten Mal, auf das Outdoor-Abenteuer und den anbrechenden Tag freut.

 

william von Grandeur nature

Nur zu zweit starten wir an diesem Morgen in den Tag. Noch bevor wir in den Canyon klettern, wandern wir etwa eine halbe Stunde durch den Wald. Einige Male bleibt William stehen. Lauscht den Klängen der Landschaft, hält Ausschau oder zeigt und erklärt mir die heimischen Pflanzen. Touren mit kleinen Gruppen mag er am liebsten. Da muss er nicht zu sehr aufpassen und er hat genug Zeit, um den Menschen Flora und Fauna zu zeigen.

 

Fingerhut in Frankreich

 

Während der Tour durch den Canyon ist er vorsichtig und ruhig und achtet auf jeden meiner und seiner Schritte. Er zeigt mir die Stellen an denen man ganz achtlos ins Wasser springen kann und eben solche Stellen an denen man lieber vorsichtig sein sollte. Den Canyon kennt er in- und auswendig. An einer schönen Stelle, an der einige Bäume zwischen den Steinen des Flusses wachsen, machen wir nach etwa vier Stunden Rast. Der Fluss ist an dieser Stelle etwas ruhiger. Aus den wasserdichten Behältern, die sich in unseren Rucksäcken befanden, nehmen wir belegte Brote. Ben hatte sie am Morgen für uns machen lassen. Durch das viele Springen, Tauchen und Klettern sind meine Brote ziemlich zerstückelt, so dass ich ein paar Sekunden brauche, um beide Brothälften, Antipasti und Käse wieder zusammen zusetzen.

 

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Dieser Ort, so Mitten im Tal des Chassezac, an dem wir nur das leichte Rauschen des Flusses wahrnehmen hat etwas mystisches. Wir sind zwischen den Felswänden gefangen und können nur noch stromabwärts. Mit 640 Liter je Sekunde wird uns der Fluss später talabwärts drücken und all unsere Kräfte fordern. Noch ahne ich nichts von den Strapazen des folgenden Nachmittags und genieße den Augenblick. Einen dieser Augenblicke, von denen wir im Alltag viel zu wenige haben.

Als ich von meinem Job erzähle, fängt William an zu grinsen. Er mag meinen Job nicht sonderlich. Er erkennt den Zweck nicht und weiß nicht wofür es für einen selbst gut ist den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen. Er hätte den ganzen Tag das Bedürfnis aufzustehen und raus zu gehen. Einfach so. Und während er so redet und mir sein Leben schmackhaft macht, plane ich gedanklich meine Zukunft. Ich muss den Schritt wagen: Eben jenen Schritt in mehr Unabhängigkeit, den Schritt in mehr Freiheit, den Schritt, der es mir ermöglichen wird die Welt zu sehen. …
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Ich danke Inger von Lozère Tourismus für die Organisation der Reise und der Möglichkeit William von Grandeur Nature kennenzulernen. Die Begegung mit ihm hat mich sehr geprägt.
Wenn ihr mehr über die Lozère erfahren wollt, dann rate ich euch diesen Beitrag über das Gleichgewicht zwischen Leben, Arbeit und Natur in der Lozère  oder diesen Beitrag über eine E-Bike-Tour in der Lozère zu lesen!

Autor

Ich bin Steven, 29 Jahre alt und der Autor dieses Blogs Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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