Mit dem Fahrrad mache ich mich von Cottbus auf den Weg nach Jänschwalde. Das Gewitter des Vorabends hat die Region heruntergekühlt. Ideale Bedingungen für eine Radtour: sonnig, aber nicht zu warm. In nordöstlicher Richtung verlasse ich die Stadt. Nach kurzer Zeit erreiche ich die Peitzer Teiche.

Sie gelten als größte Teichlandschaft Deutschlands und sind vor allem für den Peitzer Karpfen bekannt. Doch was schimmert da am Horizont? Ich brauche einige Minuten, ehe sich mir die Zusammenhänge erschließen. Es ist das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde, das unmittelbar vor dem Tagebau Jänschwalde errichtet wurde.

Nach Jänschwalde führt mich auch mein Weg. Wer die Weite Brandenburgs liebt, wird auch Jänschwalde lieben und den Friedrichshof vergöttern. Der ehemalige Bauernhof Friedrichshof ist das Betriebsgelände von Nagola Re, jenes Unternehmen, das ich heute besuchen werde.

Auf dem Friedrichshof treffe ich Karina, Justine und Dietmar. Sie sind gerade dabei vorgezogene Jungpflanzen aus den Aufzuchtbehälter zu nehmen, um sie später auf dem Feld einzupflanzen. Die Gründerin treffe ich nicht, sie ist unterwegs und siedelt für ein Bauvorhaben Ameisen um.

Karina nimmt sich, obwohl es viel tun gibt, Zeit für mich. Der gestrige Regen wurde lange erwartet. Nun können einige Pflanzen aufs Feld gepflanzt werden. Das bedeutet jedoch auch, dass das Team heute bis Sonnenuntergang arbeiten wird.

Aus einem alten Bauernhof wurde der Hof der Wildsamenzüchter

 

Der Friedrichshof und seine Felder

 

 

Ziel ist die Wiederherstellung von abwechslungs- und artenreichen Lebensräumen

Natürlich will ich als erstes wissen was Nagola Re überhaupt bedeutet. „Nagola“ stammt aus dem sorbischen und bedeutet „Heide“. „Re“ steht als Abkürzung von Renaturierung, so dass der Kunstname gedeutet werden kann als: „Renaturierung der Heideflächen“.

Das umschreibt die Aufgabe Nagola Res auch schon ganz gut. Das junge Unternehmen züchtet heimische Wildpflanzen um artenreiche Lebensräume wiederherzustellen. Einer der Arbeitsorte liegt direkt vor der Haustür.

Im Tagebau wurde jahrelang Kohle gefördert. Nachdem die Förderung abgeschlossen ist, müssen die Flächen wiederhergestellt werden. Das Gesetz schreibt inzwischen vor, dass für solche Vorhaben ausschließlich regionales Saatgut verwendet werden darf. Damit soll die genetische Vielfalt der Pflanzen spezifisch für die Region bleiben.

Außerdem wachsen die Pflanzen einer Region vor Ort eben am besten. Denn im Laufe der Zeit haben sich die Pflanzen an die Beschaffenheit des Bodens, das Wetter, Feuchtigkeit sowie Winter- oder Frühsommertrockenheit gewöhnt und sind perfekt für den jeweiligen Standpunkt entwickelt.

Nagola Re geht in seiner Arbeit so vor, dass die Botaniker des Unternehmens heimische Pflanzen in der Natur suchen und den Samen, nach einer erfolgten Genehmigung, ernten. Der Samen wird im Anschluss von den Gärtnern gezogen und später auf dem Feld angebaut. Das erfolgt unter den Richtlinien des Verbandes deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e.V. Von Juni bis September werden die Pflanzen mit dem Mähdrescher oder per Hand geerntet und getrocknet, ehe mit Hilfe von verschiedenen Techniken der Samen aus den Pflanzenresten gedroschen wird. Die meisten Arbeitsschritte vom Anbau bis zum Samen sind Handarbeit.

Die Samen der Wildpflanzen werden dann in Mischungen verkauft. Einsatzorte sind beispielsweise die Begrünung von Seitenstreifen, die Wiederherstellung eines Tagebaus oder die Bepflanzung von Deichen. Durch die vorgeschriebene Verwendung von Regiosaatgut bleibt die pflanzliche Identität einer Region erhalten.

Felder voller Wildpflanzen

 

Hier erwünscht: Wiesengräser

 

Karina Müller bei der Arbeit. Sie sortiert vorgezogene Jungpflanzen aus.

Vieles ist Handarbeit. Das Aussetzen der Pflanze wird mit diesem Traktor erleichtert.

 

Warum ist die Verwendung von regionalem Saatgut überhaupt wichtig?

Es ist oftmals leider so, dass durch menschliche Züchtungen oder die Pflanzung von gebietsfremden Arten die biologische Vielfalt verloren geht. Solche Arten können die heimischen Arten verdrängen. Doch einige Tiere brauchen ganz bestimmte Pflanzen zum Überleben. Fehlen die Pflanzen, sterben auch die Tiere.

So ist es beispielsweise mit den Bienen. Sie finden aufgrund der fehlenden Biodiversität in bestimmten Jahreszeiten nicht ausreichend Nahrung und verhungern. Zwar können sich Bienen auch durch andere Pflanzen versorgen, aber gibt es zu viele Monokulturen, die alle zur gleichen Zeit blühen, fehlt den Bienen in der restlichen Zeit die Nahrung. Eine biologisch vielfältige Wiese würde ganzjährlich genug Nahrung bereit halten.

Das Szenario geht weiter: Werden die Obstbäume und andere Nutzpflanzen durch fehlende Bienen nicht bestäubt, gibt es auch weniger Nahrung für den Menschen.

Das ist natürlich stark vereinfach dargestellt. Diese Seite (leider offline) liefert einen guten Überblick zur Thematik.

Projekte für die biologische Vielfalt

Inzwischen hat Nagola Re auch angefangen besonders seltene Pflanzen zu erhalten und Gartenpflanzen zu vermehren. Denn auch im Garten-Bereich gibt es Nachholbedarf. Karina zeigt mir einige Pechnelken, die gerade bewässert wurden. Sie betont, dass dies die natürliche Variante der Pechnelke sei. Die Züchtung, die man im Gartencenter kaufen kann hat meistens mehr Blütenblätter. Das sieht im Garten schöner aus, ist aber ein Problem für die Insekten. Es gibt bei dieser Züchtung zu viele Blütenblätter, so dass Insekten nicht mehr an den Nektar herankommen.

Da fällt mir ein Beispiel aus der Arbeit mit Berlin summt! ein. Die Initiative weist darauf hin, dass Geranien zwar schön auf dem heimischen Balkon aussehen, für Insekten jedoch total unbrauchbar sind. Sie besitzen keinen bzw. nur sehr wenig Nektar.

Neben den Pflanzprojekten betreut Nagola Re auch Umsiedelungen von Ameisennestern oder führt Biotoperfassungen durch.

Vorgehen bei Renaturierungs-Projekten

Im Idealfall ist es bei der Renaturierung so, dass bei einer Besichtigung vor Ort eine Bestandsaufnahme unter naturräumlichen sowie kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten gemacht wird. Aus diesen Informationen und Pflanzenvorkommen vor Ort werden im zweiten Schritt heimische Pflanzenarten abgeleitet. Die benötigten Samen produziert Nagola Re, liefert oder pflanzt selbst. Im letzten Schritt wird die bepflanze Fläche beobachtet. Dieses Verfahren unterscheidet Nagola Re von anderen Wildsamenzüchtern.

Für die biologische Vielfalt ist das ideal. Vor einiger Zeit führte ein Student auf dem Gelände des Unternehmens einige Forschungen durch. Er stellte fest, dass rund um die Felder von Nagola Re sechs Hummelarten leben. Zwei Arten befinden sich auf der Roten Liste und haben aufgrund der Vielfalt auf den Feldern eine neue Heimat gefunden.

 

EU-Förderung half beim Umbau eines Wirtschaftsgebäudes

Vom ELER und vom Land Brandenburg wurde der Umbau eines Wirtschaftsgebäudes finanziert. Karina zeigt mir das Gebäude.

Das sanierte Wirtschaftsgebäude

Um den Samen länger frisch zu halten und ihn von Schädlingen fernzuhalten, befindet er sich in einem Kühlraum. Entspannte sechs Grad Celsius zeigt das Thermometer. Der kleinste Samen, den Nagola Re hier lagert, ist fein wie Sand. Er ist vom Sandglöckchen und der Kilopreis liegt bei 900 Euro. Gewöhnlicher Rasen hat zum Vergleich einen Kilopreis von etwa 30 Euro.

Superfein – der Samen vom Sandglöckchen

Das Gebäude ist zwischen 2014 und 2015 modernisiert worden. Und beherbergt neben dem Kühllager u.a. auch einen Trockenraum und einen Keimbrutschrank. Auf dem Dach sorgt eine Photovoltaikanlage für die Versorgung mit elektrischer Energie. Die Förderung von der EU ist für Gründerin Christina Grätz „wichtig und hat sehr geholfen“ erzählt sie mir am Telefon. Als junge Unternehmerin kann man nicht alles aus der eigenen Tasche stemmen.

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Mein Besuch bei Nagola Re ist Teil einer vierwöchigen Fahrradtour durch Brandenburg, auf der ich mir EU-geförderte Projekte ansehe. Über das energieautarke Dorf Feldheim habe ich hier im Funkloch ja bereits berichtet.
Auf brandenburg-da-geht-was.de blogge ich etwa alle zwei Tage über meine Erlebnisse und stelle geförderte Projekte und Unternehmungen vor. Schau doch mal vorbei.

Autor

Ich bin Steven, 29 Jahre alt und der Autor dieses Blogs Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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