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Von Matthias Kutzscher

Wer Lust auf nachhaltigen Wintersport hat, sollte Schneeschuh-Wandern versuchen. Wir haben eine Tour im Hochschwarzwald getestet.

Es geht steil bergauf. Ein böiger Wind fegt. Grell funkelt die Sonne. Nur wenige Zirruswolken zeichnen Fäden in den Winterhimmel. Der Schnee blitzt und blendet wie ein Meer aus Diamanten. Mein Oberköper ist vorgebeugt. Gleichmäßig und parallel soll ich die Schritte setzen, hat Manuel geraten. Um kurz nach neun Uhr morgens haben wir uns an der Nordseite des Feldbergs getroffen. Der erfahrene Guide führt Schneeschuh-Touren auf den mit 1.493 Metern höchsten Berg des Schwarzwalds.

 

Der Gedanke

Wintersport, das ist klirrende Kälte, warmer Jagertee, Fun und Fitness in herrlicher Natur. Rodeln, Curling, Schlittschuhe aber sind mir zu langweilig. Langlauf verlangt Technik und Top-Equipment, damit es richtig Spaß macht. Ski und Snowboard wiederum sind verheerend. Für Pisten werden Wälder gerodet, Böden planiert, Kunstschnee mit wertvollem Wasser erzeugt. Bleibt Schneeschuh-Wandern als eine Alternative.

Die Idee fasziniert: denn das Gerät ist uralt und global. In Südtirol am Gurgler Eisjoch wurde 2003 ein Schneeschuh aus Birke gefunden, mit dem wohl vor rund 6.000 Jahren ein Mensch der Jungsteinzeit zwischen dem heutigen Italien und Österreich den Alpenkamm bezwingen wollte. Um nicht im Winterweiß zu versinken schnallten Bergbewohner des Kaukasus in Armenien ebenso „Tennisschläger“ unter ihre Füße wie Eskimos oder die indigenen Stämme Amerikas. Jäger, Händler, Holzfäller, Fährtensucher in der Wildnis von Alaska: das gleichmäßige Gehen am Berg verleitet zum Träumen.

 

Der Aufstieg

Die grell-pinke Skihose von Sabrina holt mich zurück ins deutsche Mittelgebirge. Sie stiefelt mit ihren Freunden Denis, Viviane und Jan elegant den eisigen Hang hoch. „Ich merke die Schuhe gar nicht“, sagt sie und holt dynamisch mit Armen und Beinen aus. Laufen mit Schneeschuhen, in denen Wanderstiefel festgezurrt sind, unterscheidet sich kaum von normaler Fortbewegung. Der Schritt ist nur etwas ausladender, da typische Schuhe bei etwa 60 Zentimetern Länge zwischen 20 und 30 Zentimeter breit sind. Die Regel gilt: Je mehr der Träger wiegt, desto größer sollte die Fläche des Schneeschuhs sein. Damenmodelle sind daher meist kürzer und schmaler. Das Viererteam aus Landau in der Pfalz – halb in Jeans und stylischer Outdoor-Mode gekleidet – macht mit Manuel das Tempo.

Mit Schneeschuhen laufen sei wie Treppensteigen, meint der Guide, der zwischen Dezember und Ende März mehrmals in der Woche auf den Feldberg führt: zum Sonnenaufgang, mit Hund, für Genießer, bei Mondschein. Wir sehen trotz Kaiserwetter kaum Leute. Im Sommer verläuft auf den schroffen Almweiden der nahen Baldenweger Hütte ein Naturlehrpfad. Im Winter wirkt die Anhöhe mit ihren wenigen Tannen und Fichten wie der kahle Rücken eines versteinerten Riesen. Steil fällt er nach Westen, Norden, Osten in die Täler von Zastlerbach und Seebach ab.

 

Das Panorama

Wir marschieren den Buckel gemächlich in Bögen hoch. Einzelne Passagen haben bis zu 25 Prozent Gefälle. Je steiler das Terrain, desto weiter ziehen wir die Schwünge. Zwei Wanderer spuren hundert Meter über uns ihren Trail. Es sieht fast mühelos aus. Denn die Krallen der Sportgeräte beißen sich in den Schnee. Tiefer Untergrund oder Eisplatten sind kein Problem. Nur rückwärtsgehen, das funktioniert nicht. Wer wenden will, muss einen kleinen Kreis beschreiben. Immer wieder stoppen wir, magisch angezogen von einer atemberaubenden Fernsicht – am Horizont zeigt sich der gesamte Alpenbogen. Aus der blau schimmernden Zackenlandschaft erheben sich die mächtigen Gipfel von Säntis, Zugspitze und Mont Blanc.

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir den Gipfel des Feldbergs. Ein paar Snowboarder testen Kites. Der Wind fegt Eiswolken über das weite Plateau, auf dem als markante Marke ein 50 Meter hoher Aussichtsturm steht – man kann sich dort trauen lassen oder im Sommer das Schinken-Museum besuchen. Wir verziehen uns in die urige St. Wilhelmer Hütte auf 1.400 Metern, schlürfen Johannisbeerschorle, essen Eintopf und Schwarzwälder Kirschtorte – Energie satt für die gut 1,5 Stunden lange Tour runter. Vor der Tür stehen zwei Dutzend Schneeschuhe. Drinnen werfen sich Wildfremde verschwörerische Blicke zu. Wir könnten auch Biker sein oder Ornithologen – ein Hobby, eine Leidenschaft, das verbindet.

 

Die Philosophie

Kritiker mögen anmerken: Norwegen, Vail in den Rocky Mountains oder Sotchi an der russischen Schwarzmeer-Küste seien die perfekten Winterdestinationen. Traumhafte Trails und weiße Pacht satt würden einen Schneeschuh-Urlaub unvergesslich machen. Aber muss das sein? Fichtelgebirge, Harz, Sauerland, Erzgebirge, Schwarzwald sowie die Alpen liegen doch quasi vor der Haustür. Wenn genug Schnee fällt, bieten die nahen Höhen nachhaltige Reiseziele für das Winterwandern abseits gespurter Wege. Die Anreise mit Bahn und Bus verringert den ökologischen Fußabdruck wesentlich. Im Hochschwarzwald sind Touren oft noch bis in den frühen April machbar.

„Wer sich zudem an die Regeln beim Winderwandern hält, schont die Natur“, sagt Manuel Koglbauer, der aus Österreich stammt, und „irgendwie schon immer im Gebirge gekraxelt“ ist. Der Bergführer zeigt auf ein Verbotsschild und sagt: „Man sollte auf Wildschutzgebiete und Ruhezonen achten und auf einer Route bleiben, statt ziellos hin- und herzuwandern.“ Denn das würde Pflanzen und Tiere stark belasten. Der Feldberg ist ein Naturschutzgebiet, in dem der Auerhahn, Rotwild oder auch Spechte leben. Ihre Ruhe sollte nicht gestört werden.

 

Der Abstieg

Kaum einer redet bergrunter. Stundenlang auf einer ovalen Plastikscheibe stapfen und dabei 500 Höhenmeter machen, dass schlaucht mehr als einfach nur wandern. Jetzt muss ich leicht in die Rücklage gehen und die Schritte verlängern. Das soll den Körper entlasten. Locker erzählt Manuel, dass seine Feldberg-Runden meist ausgebucht seien und die Teilnehmer immer jünger würden. Schneeschuh-Wandern liegt im Trend: weil es gesund, spannend, günstig ist. Mit rund 200 Euro kosten die Schuhe vergleichsweise wenig. Wer nur gelegentlich los will, kann sich die Ausrüstung leihen. In jedem Wintersportgebiet sind mittlerweile Kurse oder geführte Touren buchbar. „Ihr könnt jetzt gleiten, wie beim Aquaplaning“, ruft Manuel. Das versuche ich nur einmal, weil es mich heftig nach vorne schleudert. Als ich die Teller nach fast fünf Stunden abschnalle, steht fest: das wird nicht die letzte Schneeschuh-Erfahrung bleiben.

 

Tour-Anbieter im Hochschwarzwald

Schneeschuh Akademie Hinterzarten

 

Ausrüstung für Schneeschuh-Wandern

  • Bekleidung – Funktionsunterwäsche, Ski- oder Trekking-Hose, Wandersocken und jacke sowie Handschuhe halten Nässe und Kälte ab. Dabei gilt das Zwiebelprinzip: Wer sich Schicht für Schicht clever anzieht, schwitzt weniger.
  • Gamaschen – Als Ersatz für eine wasserdichte Ski- oder Wanderhose halten Gamaschen den Schnee aus den Schuhen
  • Schuhe – Auf dem Markt gibt es „Originals“ mit Holzrahmen, „Classics“ mit Alurahmen und Kunststoffbespannung sowie „Moderns“ aus flexiblem Plastik. Wichtig bei Auswahl sind Einsatzgebiet, Schuhgewicht, Körpergewicht, Harscheisen sowie Bindung.
  • Stöcke – Teleskopstöcke mit großen Wintertellern sind am besten geeignet.
  • Rucksack – Getränke, Riegel oder Obst sollten auf jeder Tour dabei sein.
  • Lawinenausrüstung – Bei alpinen Touren muss passendes Material mit. Dazu gehören Lawinenverschüttetengerät (LVS), Schaufel und Sonde.
  • Navigation – Da Schneeschuh-Wandern abseits von Wegen stattfindet, sind Kartenmaterial, GPS-Gerät oder Telefon mit Wander-App (z.B. Komoot) und GPSSignal sinnvoll.

 

Kulinarische Tipps rund um den Feldberg

  • Wilhelmer Hütte – rustikale Leckerbissen auf der höchstgelegenen Almhütte (1.400 m) in Baden-Württemberg
  • Reimartihofalemannische Gastlichkeit seit 1892 mit toller Schwarzwald-Stube
  • Hotel Sonne Post – badische Spezialitäten bei einem traditionsreichen Familienbetrieb
  • Zum Engel – in der gemütlichen Gaststube gibt es neben badischen Schmankerln auch viel Vegetarisches
Autor

Matthias Kutzscher ist freier Redakteur, Journalismus-Dozent und Travel-Freak. Seine Sehnsucht wanderte von West nach Ost: vor 30 Jahren musste es Lateinamerika sein – unvergesslich der Trip per Pferd durch die kolumbianischen Anden. Mittlerweile tobt sich der Düsseldorfer mit dem MTB in der deutschen Wildnis, auf der iberischen Halbinsel und in Asien aus.

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