Nachtzüge Europa: Das Revival der Betten auf Schienen 

Rüttelnde Waggons in der Dunkelheit, heruntergeschobene Fenster und Wind im Haar, zeitunglesende Passagiere und verträumte Blicke auf die vorbeiziehende Landschaft: Nachtzüge in Europa waren beliebt in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, tauchten mit Nachtzug nach Lissabon und Mord im Orientexpress sogar in Literatur, Film und Fernsehen auf. Aber auch Familienmitglieder erzählen von abenteuerlichen Interrailtouren der 70er Jahre in Nachtzügen und ohne viel Geld quer durch Europa. Und obwohl die Deutsche Bahn die Nachtzugverbindungen in den letzten Jahren stark ausgedünnt hat, scheint es, als erlebten sie nun –zurecht – ein Revival. Vermutlich steigt die Beliebtheit aber nicht aus romantisch-nostalgischen, sondern eher ideologisch-pragmatischen Gründen: Einsteigen, schlafen, aufwachen, ankommen – Europas Nachtzüge schaffen es, in sich den Komfort des Fliegens mit der CO2-Freundlichkeit der Bahnreise zu vereinen.

 

CO2, Stickoxide, Ökostrom – die ökologischen Vorteile der nächtlichen Bahnreise

Die CO2-Bilanz ist natürlich das Hauptargument für modernes nächtliches Reisen mit der Bahn: Fliegen ist mies für die Umwelt – soweit, so klar. Flugscham verbreitet sich, das schnelle jetten zwischen Städten wird nicht mehr bewundert, sondern kritisiert. Wer umweltbewusst reisen will, greift also meist auf die Bahn zurück. Und die Zahlen sprechen für sich: Zugfahrten innerhalb Deutschlands stoßen im Schnitt nur etwa 10 bis 20 % des CO2s von Flügen auf gleicher Strecke aus.

Aber auch auf internationalen Zugreisen durch Europa werden ähnlich viele Treibhausgase eingespart, da sind sich die meisten online-Emissionsrechner einig: Kohlendioxid, allgemeiner Energieressourcenverbrauch, Feinstaub, Stickoxide – die Bilanzen von Zügen gewinnen auf ganzer Linie gegen Konkurrenz jeder Art. Ob auf der nächtlichen Reise von Düsseldorf im Nachtzug nach Wien  oder in dem Nachtzug von Hamburg nach Innsbruck: Die Einsparungen sind enorm. Die Nachtlinie der Österreichischen Bundesbahn ÖBB fährt sogar zu 100 Prozent mit Ökostrom. Der Pressesprecher des ÖBB erklärt: Diese Maßnahme sorge dafür, dass Passagiere auf Nachtzugstrecken der ÖBB im Vergleich zum Fliegen 31 Mal weniger CO2 verbrauchen.

 

Nachtzüge in Europa und ihre Strecken – EuroNight, NightJet, City Night Line?

Der Name EuroNight taucht im Zusammenhang mit Nachtzügen in Europa immer auf. Eigentlich bezeichnet der Name aber nur die Kategorie für Nachtzüge in Europa, die Anbieter sind verschieden, nur gewisse Voraussetzungen müssen die Linien erfüllen. Tatsächlich fällt der derzeit bekannteste Anbieter NightJet des ÖBB nicht mehr unter die EuroNight-Züge, sondern hat sich davon gelöst. Trotzdem ist der Nightjet der österreichischen Bundesbahn ÖBB in aller Munde, sicherlich auch wegen seiner besonderen Nachhaltigkeitsmaxime. Aber bei uns ist dieser Nachtzuganbieter bestimmt auch deshalb so bekannt, weil die ÖBB die bestehenden Strecken der Deutschen Bahn 2016 übernommen hat, als diese beschloss, die Nachtzüge der City Night Line einzustellen. Die CNL existiert nicht mehr, aber der Nightjet wird seinem neuen Streckennetz auf jeden Fall gerecht, er fährt insbesondere die Nord-Süd-Verbindungen durch Deutschland und Österreich ab.

Mit dem Nachtzug von Berlin nach Wien, der auch in Wroclaw hält, hat der Nightjet vergangenes Jahr eine der derzeit beliebtesten Strecken ins Leben gerufen, aber auch von Hamburg aus geht’s nachts in die österreichische Hauptstadt. Ohne Frage ist Wien das Zentrum der Nightjets: Von hier geht’s bis nach Rom in Italien. Tatsächlich kommt man mit dem Nightjet im Herzen des Streckennetzes auch noch weiter gen Osten. Denn Partneranbieter des NJ fahren die Reisenden über Ungarn oder Tschechien nach Polen oder über Ljubljana nach Zagreb.

Nachtzug Europa Nightjet

Aber auch Strecken von München über Venedig nach Rom werden bedient und von Zürich kommt man ebenfalls nach Berlin und zurück: Für das Bergwaldprojekt und den Besuch im Arosa Bärenland reiste Steven mit dem Nachtzug in die Schweiz 

Das Streckennetz des Nightjet im Auge zu behalten lohnt sich – zu den bestehenden Verbindungen sollen bald neue hinzukommen, Tickets für den ÖBB Nightjet gibt’s hier.

 

Norden, Süden, Westen – wo es noch hingeht mit Thello, Trenhotel und Snälltaget

Neben dem Nightjet ist Thello derzeit sehr beliebt, ein junges Unternehmen, das zu der italienischen Zuggesellschaft Trenitalia gehört und Teil des europäischen Netzes EuroNight ist. Was der Nightjet für den östlichen Teil Zentraleuropas ist, ist Thello für den westlichen Teil. Denn Thello fährt jede Nacht gemütliche 14 Stunden lang zwischen Paris und Venedig, mit Stopp in Mailand. Wer dort um 6 Uhr morgens aussteigen möchte, zahlt auch nur knapp 30 Euro.

Wer noch weiter in den Süden möchte, wendet sich am besten an das spanische Trenhotel, das Nachtzugangebot des Bahnunternehmens Renfe. Den südlichsten Zipfel Frankreichs verbindet Trenhotel mit Zentralspanien und sogar Portugal. Von Madrid nach Lissabon geht’s hier also über Nacht von einer Metropole in die nächste.

Um die Himmelsrichtungen komplett abzudecken, fehlt natürlich noch eine Fahrt in den Norden. Die Nachtzugvariante Berlin Night Express des schwedischen Unternehmens Snälltaget bringt Reisende fix von Berlin nach Malmö oder Stockholm über Kopenhagen – allerdings nur in den Sommermonaten.

 

Tipps und Tricks – worauf muss ich bei der Fahrt mit dem Nachtzug in Europa achten?

Wie bei regulären Bahnfahrten lohnt es sich auch bei den nächtlichen, früh genug im Voraus zu buchen, da die Preise stark variieren können. Das trifft auch auf die verschiedenen Abteile zu. Wer es komfortabel mag, muss leider oft auch dementsprechend zahlen. Der Nightjet unterscheidet zum Beispiel zwischen Schlaf-, Liege- und Sitzwagen. Den Schlafwagen gibt’s in Standard- und Deluxe-Ausführung und man kann zwischen einer bis drei reisenden Personen wählen, Frühstück gibt’s à la carte und ein eigenes kleines Bad unterstützt das Luxus-Gefühl. Fast alle Luxus-Varianten bewegen sich preislich aber auch im dreistelligen Bereich.

Der Liegewagen schlägt nicht ganz so teuer zu Buche, Plätze gibt es schon für 40 bis 50 Euro, man muss ihn aber auch mit bis zu fünf Leuten teilen. Und die günstigste Version für Reisende on a budget ist natürlich der klassische Sitzwagen. Nicht so komfortabel, aber er kostet auch nur um die 30 Euro. Auch bei anderen Anbietern sind die Gruppenwaggon- und Sitzplätze günstig: Mit Trenhotel zwischen Madrid und Lissabon kostet ein Ticket knapp 25 Euro.

Wer die innerdeutschen Zugticketpreise gewöhnt ist, weiß schnell: Hier kann man leicht Schnäppchen finden. Für Frauen lohnt es sich außerdem nachzuschauen, ob der Anbieter Frauenabteile hat, wie zum Beispiel eine Kategorie der Nightjet-Liegeabteile.

Fremdanbieter zum Ticketkauf sind manchmal mit Vorsicht zu genießen, aber bei bestimmten lohnt es sich dennoch. Auf der Interrail-Seite gibt es beispielsweise eine Übersicht der EuroNight-Züge, teilweise mit speziellen Angeboten. So kostet die Madrid-Lissabon-Strecke mit den günstigsten Sitzen dort beispielsweise nur 7 Euro.

Autor

Hey, ich bin Mina! Geboren in Berlin, bin ich schon immer gern unterwegs. Mich reizen Städte, Architektur und das urbane Leben, ich liebe Pflanzen, Natur und Kunst aber genauso. Ich bin durchs südliche Afrika getrampt und um für Frieden in Syrien zu protestieren quer durch Serbien gewandert. Ich durfte Machu Picchu sehen, im Antiatlas Rad fahren und in Tansania Interviews auf Swahili führen. Ich gehe stets der Fragestellung nach: Wie kann ich nicht nur ökologisch sondern auch ethisch nachhaltig reisen?

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