Zwischen dem Hitzeflimmern am Horizont entdecken wir die Silhouetten von mehreren flachen Häusern. Das muss es sein, denke ich und freue mich, dass wir mal vor Einbruch der Dunkelheit unsere Bleibe für die Nacht beziehen dürfen.

Wir steigen aus unserem Spritmonster mit Allradantrieb, freuen uns über Temperaturen unter 40 Grad und schlendern zu einer kleinen Veranda. Eine blonde Frau, mit toller Figur und braun gebrannter Haut relaxt dort im Schatten. Ich schaue nach links und muss über einen Gartenzwerg, der vor einem Wohnwagen sitzt, schmunzeln. Noch während ich mich frage, ob wir hier auf einen besonders humorvollen Omani oder einen Deutschen treffen, kommt Alex um die Ecke. Und ja: Er ist Deutscher. Und Humor hat er auch. Wir plaudern nur ganz kurz und beziehen dann unsere Zimmer.

Kitesurfcamp Masirah Island

 

Es ist alles nur geklaut. Es ist alles gar nicht seins.

Nachdem wir unsere Klamotten auf unser Zimmer gebracht haben und eine Runde durch das Kitesurfcamp gegangen sind, gehen wir zurück zu Alex’ Veranda und kommen tiefer mit ihm ins Gespräch. Er hat es sich gerade mit etwas Pumpernickel, geräuchertem Schweinefleisch, sauren Gurken und Senf gemütlich gemacht. Alle Produkte hat er sich mitbringen oder schicken lassen. Nach nur einer Woche Oman überkommt mich ein Sehnsuchtsgefühl nach Heimat und ich verspüre unglaubliche Lust in eine saure Gurke zu beißen. Alex bietet uns jeweils ein großzügiges Stück von dem traditionell in Bayern geräucherten Schweinefleisch an, das ich ablehne. Nach einer sauren Gurke traue ich mich nicht zu fragen. Selbst Schuld.

Seit 2007 ist der ehemalige Stuttgarter nun im Oman. Damals war er auf der Flucht aus seinem alten Leben, hatte private und berufliche Enttäuschungen durchlebt und suchte den Neustart seines Lebens.

Er war auf der Suche nach einem geeigneten Kitesurfspot und hätte nie im Leben daran gedacht so ein unbeachtetes Juwel zu finden. Durch wahnsinnige Fleißarbeit und mit der Hilfe eines omanischen Partners baute er über die Jahre ein Kitesurfcamp auf, das international empfohlen wird.

Im ersten Jahr hatte wir 28 Gäste, im letzten Jahr waren es bereits 501, erzählt er uns. Doch überall da, wo etwas entsteht und wächst, da wachsen auch Neider. Einer dieser Neider ist in diesem ungünstigen Fall der Eigentümer des Landes auf dem Alex sein Kitesurfcamp errichtet hatte. Er erkannte das Potential und kickte Alex aus seinem eigenen Camp. Seit dieser Saison betreibt sein Vermieter die Unterkünfte und Alex kümmert sich um den Kitesurf-Unterricht. Eine unbefriedigende Konstellation, denn die Gäste, die Alex Jahr für Jahr mit selbstgebackenem Brot und exzellenter Betreuung in den Oman holte, werden nun mit Toast und pappigen Eierkuchen – im wahrsten Sinne des Wortes – abgefrühstückt.

Er melkt die Cash Cow, würde der BWLer sagen. Ich sage: Es ist alles nur geklaut. Wie kann man nur so sein und sich den Erfolg eines anderen Menschen zu eigen machen? Nur gut, dass wir während unserer Zeit im Oman ausschließlich andere Charakterzüge der Omanis kennengelernt hatten.

Beach und Surfcamp auf Masirah Island iim Oman

 

 

Willkommen im Oman. Willkommen auf Masirah Island. Willkommen im Kitesurf-Paradies. 

Alex ärgert sich zwar über die Umstände, ist aber optimistisch bis zur nächsten Saison einen alternativen Plan ausgeklügelt zu haben. Darauf stoßen wir an, wechseln das Thema und sprechen über das Kitesurfcamp – den vielleicht besten Kitesurf-Spot der Welt.

Der beste Spot der Welt? Bei den Worten vermute ich eine übersteigerte Selbstwahrnehmung. Doch je mehr Alex’ über die Sur Masirah Bay erzählt, desto mehr glaubte ich ihm. Ich war zwar noch nie kitesurfen, aber das war er und die Surfer, die mit abnehmender Sonnenintensität aus dem Wasser zu uns herüber stapften, uns erzählten, erschien logisch: Wind das ganze Jahr, im Sommer konstant 20 Knoten Monsunwind, ganzjährlich warme Temperaturen, kein starkes Gezeitengefälle, keine großen Wellen und brusthohes Wasser.

Als der klischeemäßigste Surferdude der Truppe anfängt zu schwärmen, da packt mich die Lust vollends. Ich möchte mir meine Sachen vom Leib reißen, mir ein Bord und einen Kite schnappen und sofort loskiten. Ich habe zwar keinen blassen Schimmer wie das funktioniert, aber ich würde es gerne machen. Jetzt. Sofort.

Stefan und ich fangen an uns nervöse Blicke zuzuwerfen. Wir rechnen die Planung für die nächsten Tage vier, fünf, sechs Mal durch. Aber in keinem der Pläne eröffnet sich uns ein dreitägiges Zeitfenster, um den Einsteigerkurs bei Alex zu buchen. Verdammt.

Das sind wir schon mal hier im Kitesurfparadies aus Masirah Island und dann sowas.

Regel des Kitesurfcamps auf Masirah Island

 

Masirah Island außerhalb von Gartenzwergen und Pumpernickel

Reisende, die sich nach Masirah Island verirren, werden auch außerhalb des Kitesurfcamps einiges zum Entdecken vorfinden, denn …

An der kompletten Ostküste der Insel nistet die Unechte Karettschildkröte und hat dort mit etwa 30.000 Schildkrötennestern pro Jahr ihr größtes Nistgebiet. Genau aus diesem Grund ist die Insel auch noch nicht touristisch erschlossen. Dem Sultanat Oman liegt viel an dieser vom Aussterben bedrohten Tierart und drängt wie kaum ein anderes Land des Indischen Ozean auf regelmäßige Treffen und Umweltschutzprogramme. Es besteht also Hoffnung, dass die Insel nie touristisch ausgebaut wird und die Unechte Karettschildkröte noch einige Jahre zum Eierlegen nach Masirah Island kommt.

Da die Schildkröten nur nachts aus dem Wasser kommen, um die Eier zu legen, kann die Ostseite der Insel gut zum Windsurfen und Wellenreiten genutzt werden. Die besten Wind- und Wellenbedingungen habt ihr im Spätsommer.

Fähre nach Masirah Island

Masirah Island ist eines der schönsten Funklöcher, die ich in diesem Jahr entdecken durfte. Ich hatte richtige Probleme eine funktionierende Wlan-Verbindung zu finden. Du kannst hier also mal so richtig durchatmen. Insgesamt betrachtet ist die Insel noch sehr unerschlossen, obwohl eine Fährverbindung die Anreise vom Festland samt Auto ermöglicht. In der Stadt Ras Hilf, in der wir mit der Fähre ankamen, leben die meisten der 10.000 – 12.000 Inselbewohner. Hier gibt es Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Besonders im südlichen Teil der 95 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten Insel wirst du viel einsame Küste, Natur und Dromedare finden. Ja die Küstenabschnitte sind hier sogar so einsam, dass man hin und wieder Walknochen oder Schildkrötenpanzer am Strand findet.

Schildkrötenpanzer

Am Strand von Ras Abu Zabil kannst du prächtig tauchen. Das Wasser ist hier voller Fische und farbenfroher Korallen. Vor Masirah Island ziehen drei artenreiche Wasserströmungen aus dem Golf von Oman, Golf von Anden und Arabischem Meer entlang, die diese wunderschöne Unterwasserwelt erklären. Außerdem gibt es hier etwas, das man Halokline nennt = Wasserschichten unterschiedlichen Salzgehaltes mischen sich im nur 10 Meter tiefem Küstenwasser nicht und sorgen ebenfalls für Artenreichtum. Was es nicht alles gibt, denke ich mir, als ich vor Ort aufgeklärt werde.

Von den Temperaturen her ist Masirah Island verglichen mit dem nördlichen Oman echt angenehm. Durch den Wind spürt man die Hitze nicht so sehr. Im Sommer werden es hier „nur“ bis zu 38 Grad. Das ist echt in Ordnung, wenn man bedenkt, dass im Norden des Oman das Thermometer gerne mal die 50 Grad erreicht.

 

Sonne, Wind und Wasser

Die günstigen klimatischen Bedingungen will Alex in Zukunft noch weiter nutzen. Auf Masirah Island ist es möglich ohne Klimaanlage zu leben, ohne einen Hitzetod zu erleiden. Das ist eine Besonderheit im Oman und spart eine Menge Energie. Strom und Benzin kosten im Oman nahezu nichts. Trotzdem hat der technikaffine Deutsche seine Leidenschaft für die Entwicklung eines autarken Kitesurfcamps entdeckt. Was wäre das nur für ein Alleinstellungsmerkmal im Oman!

Aktuell produzieren zwei Solarenergieanlagen genug Strom, um das Kitesurfcamp Tag für Tag und vor allem auch Nacht für Nacht mit elektrischem Strom zu versorgen. Auch mit Windenergie hat der ehrgeizige Tüftler schon seine Erfahrungen gemacht. Doch die Spitzenwindgeschwindigkeiten von bis zu 40 Knoten (74 km/h) waren bisher zu stark für die Technik.

Nur Trinkwasser fehlt aktuell noch im Portfolio des autarken Kitesurfcamps. Aktuell recherchiert Alex nach Entsalzungsanlagen. Wichtig ist ihm vor allem eine zuverlässige Anlage, die mit geringem Stromverbrauch arbeitet.

 

Es fiel mir sehr schwer nach nur einer Nacht das Kitesurfcamp wieder zu verlassen. Doch eines ist sicher. Ich komme wieder! Und dann lerne ich Kitesurfen. Versprochen, Alex!

Autor

Ich bin Steven, 30 Jahre alt und der Autor dieses Blogs über Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Im März 2019 habe ich die NGO WeWater mit Freunden gegründet. Hast du ein paar Euro übrig, freue ich mich für meine gemeinnützige Organisation über eine Spende. Vielen Dank. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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