Nur um die Welt Reisen ist nicht genug: Obwohl Anne und Sebastian vom Blog reisefroh.de ihren Traum leben und (fast) immer unterwegs sind, hat irgendwas gefehlt. Vor fünf Jahren riefen sie dann den gemeinnützigen Verein SunHelp ins Leben, um auch mal zurückzugeben. Mit ihm wollen sie on the road 100 Solaranlagen in energiearmen Ecken der Welt eigenhändig installieren.

Und kaum jemand könnte besser qualifiziert sein: Ein Gespräch über Reisen und Nachhaltigkeit, richtige und performative Gemeinnützigkeit und natürlich: Generationenwandel und Solarenergie.

Solaranlagen auf Reisen
Sebastian bei der Installation einer Solaranlage

Lieber Sebastian. Ich hoffe, es geht euch gut?

Wir drei sind gesund. Natürlich ist die Situation nicht einfach, aber noch sind wir in jeder Hinsicht stabil. Aber natürlich fängt man an, einiges in der Reisebranche zu hinterfragen. Ganz vorweg natürlich auch sich selbst: Bei Lockdown in Griechenland am Strand zu sein ist natürlich ein unglaubliches Privileg. Natürlich können wir uns gerade nicht so frei bewegen. Aber das sind Luxusprobleme im Vergleich zu Leuten, die sich auch ohne Pandemie in der Welt nicht so frei bewegen können wie wir.

Werdet ihr das – auch unter Aspekten der Nachhaltigkeit – auch nach der Pandemie mitnehmen: Lokaler reisen?

Das ist tatsächlich ein sehr aktueller Gedanke, den wir haben: Uns wieder eine Homebase aufzubauen. Zum Beispiel hier in der Provence. Das kann man verbinden mit unseren Interessen. Anne ist ein begeisterter Foodie: Ihr Projekt wäre dann ein eigener Anbau von Gemüse, Obst und so weiter. Mich als Ingenieur interessiert der Bereich der autarken Energieversorgung.

Kamt ihr auf das „in 100 Solaranlagen um die Welt“-Projekt dadurch, dass du Ingenieur bist?

Um ganz am Anfang zu beginnen: Das Projekt gab es tatsächlich schon vor unserer Weltreise. Anne hat dafür die entscheidende Frage gestellt. Sie hat in Nepal vier Monate in einem Waisenhaus geholfen und viele Erfahrungen gesammelt zu den Themen Volontariat und Volontourismus. Dort hat sie schnell gemerkt, dass das nicht das Richtige ist. Wie immer ging es auch dort primär ums Thema Geld, das man nicht transparent nachvollziehen kann: Nichts kommt dort an, wo es soll.

Und dann kam die Frage: Wie geht’s besser?

Genau. Wir haben überlegt und uns gefragt, wie wir nicht nur reisen können. Sondern auch, wie es so schön heißt: Den Menschen auch etwas zurückgeben. Denn von jeder Reiseerfahrung, den Menschen, den Kulturen, nimmt man so viel mit. Also hat sie gefragt: Was können wir denn? Und ich meinte: Ich kann Solaranlagen installieren. Das ist mein Interesse, seit mein Vater mir als Kind das Buch „die Grenzen des Wachstums“ in die Hand gab. Und Solartechnik ist wie geschaffen für internationale Entwicklungszusammenarbeit.

Wieso das?

Sogar die internationale Energieagentur, von der man nun wirklich nicht behaupten kann, dass sie die größten Freunde von erneuerbaren Energien sind, sagen: für rurale Gebiete weltweit ist nichts so kostengünstig, schnell, sauber und effektiv wie Solarenergie.

Spannend. Wie ging’s dann weiter?

Wir haben uns informiert und im Freundeskreis ein paar Leute zusammengetrommelt, um einen gemeinnützigen Verein zu gründen. Über einige Ecken haben wir dann in den Philippinen eine Schule kennengelernt, wo wir beratend und in der Organisation mitgeholfen haben.

Das Projekt war eine riesige Herausforderung mit vielen lessons learned. Jemand Fachfremden auf der anderen Seite der Welt eine Solaranlage mit Sprachbarrieren zu erklären, war nicht so richtig umsetzbar: Wir brauchten Strukturen, Prozesse und Professionalität. Deshalb war am Silvesterabend vor der Weltreise unsere Idee, dass wir bei unserer Weltreise hundert Solaranlagen eigenhändig installieren.

Habt ihr euer Ziel geschafft?

Noch nicht. Vier Jahre später haben wir jetzt 82 Solaranlagen eigenhändig aufgebaut. Wir werden auch irgendwann bei 100 landen, aber das ist gar nicht mehr das Ziel. Unser Verein läuft ja nachhaltig weiter, auch ohne uns. Aber der Anspruch hat uns damals Momentum gegeben und uns gezwungen, professionell und strukturiert zu arbeiten. So haben wir uns um Materialien für Spendengelder bemüht. Und können mit Stolz sagen: Wir haben tatsächlich Spendende aus den verschiedensten Ecken und allen Altersklassen für unser Projekt gewinnen können.

Weshalb glaubst du, hattet ihr so viel Erfolg? War eure Idee so ein Novum, dass Leute sie relevant fanden, weil der Themenkomplex solar vielleicht im Vergleich zu anderen Entwicklungsthemen unterrepräsentiert ist?

Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich im Großen Ganzen sehr optimistisch bin. Auch durchs Studium habe ich immer schon in oder mit großen Energiefirmen und –lobbies gearbeitet. Da passiert unglaublich viel. Die Erneuerbaren sind ein Trend, der perspektivisch global nicht aufzuhalten ist. Ganz pauschal gesagt: Es ist eine Generationenfrage.

Kinder in Nepal mit Solarpanel
Kinder in Nepal mit Solarpanel
Solarenergie schenkt Licht
Solarenergie schenkt Licht zum Lernen

Werden die kommenden Generationen mehr richtig machen?

Die Fridays-for-future-Generation hat Klimathemen wie Luftverschmutzung viel präsenter im Kopf als wir, allein schon durch Schulunterricht. Der Widerstand gegen beispielsweise Windräder ist ein Generationenwiderstand. Niemand geht aber gegen die Stromkabel protestieren, die vor seinem Haus liegen: Damit sind wir aufgewachsen. Unsere Generation gewöhnt sich gerade um. Aber ein, zwei jünger als wir: Sie werden aufwachsen mit Windrädern und Solarparks. Sie werden sagen: Es ist völlig normal. Irgendwo muss der Strom ja herkommen. Und ihre Normalität muss und wird erneuerbar sein.

Und bei SunHelp normalisiert ihr Solartechnologie?

Die Idee hinter SunHelp war, das zu tun, was die großen Unternehmen eben nicht tun: Ins Kleine gehen, ins Detail. In Dörfer, in die sonst niemand geht. Einzelnen Menschen individuell mit Grundbedürfnissen helfen. Das funktioniert in den großen Strukturen nicht. Wir können nicht auf die setzen, die bei der Wende ersetzt werden müssen.

Kommt das auch aus eurer Reiseerfahrung: Dass ihr Menschen im Kleinen helfen und sie wertschätzen wollt?

Jedes unserer Projekte war immer super emotional, weil wir eng mit allen zusammenarbeiten. Klar ist die Frage berechtigt, wie viel von dem wir für uns selbst und Selbstvalidierung tun. Aber am Ende ist’s ne Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Um’s ein bisschen tricky zu formulieren: Nimmt man mit solchen Prozessen nicht auch lokale Regierungen aus der Verantwortung?

Tatsächlich haben wir die gegenteilige Erfahrung gemacht. Wir gehen an Orte, an denen seitens der Regierung nichts passiert. Die meiste Unterstützung seitens derer, die die Verantwortung tragen, passiert in Städten und dort, wo sich politische Macht konzentriert. Deshalb arbeiten wir immer mit lokalen NGOs, die uns zeigen: Hier ist seit 20 Jahren nichts passiert. Das ist super viel wert; sonst können wir gar nicht den notwendigen Bezug zu den Leuten für nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit herstellen.

Wie setzt ihr das jetzt um?

Diese Erfahrungen sind der Grund, weshalb wir uns in den letzten zwei Jahren auf ein Projektland fokussiert haben: Tadschikistan, eines der ärmsten Länder in Asien und das ärmste in Zentralasien. In der Hauptstadt Duschanbe haben wir eine Organisation im Bereich Umwelt- und Energieeffizienz gefunden, die wunderbar zu uns und SunHelp passt.

 

Solarkocher in Tadschikistan
Solarkocher in Tadschikistan

Ich finde spannend, dass euer Fokus Tadschikistan ist. Sind Leute begeistert, mehr über diesen ungewöhnlichen Projektstandort zu lernen, oder bekommt ihr aus Unwissenheit auch negatives Feedback?

Wir haben damit gemischte Erfahrungen gemacht. Einmal haben wir eine Firmenspende in Höhe von 5000 Euro abgelehnt, weil sie meinten, wir müssten sie „irgendwo in Afrika“ einsetzen. Diese Wertigkeit fand ich erstaunlich und traurig. Auf Erklärungen unsererseits, weshalb wir das nicht tun werden, zogen sie die Spende zurück. Viele Leute sind aber auch begeistert, weil sie von dem Land noch nie oder wenig gehört haben.

Welche Nachhaltigkeitsmaxime vertretet ihr noch?

Bei den Solaranlagen an sich setzen wir so gut es geht auf lokale Wertschöpfung. Manchmal müssen wir natürlich importieren. Vor-Ort-Produktion ist aber der Idealfall, wenn es qualitativ gute Materialien gibt. Wir arbeiten nicht mit einem Supplier, sondern wir unterstützen lokale Produktion mit guten Produktionsbedingungen. Das ist auch hilfreich, da die Hersteller auch Hinweise und Infoblätter in Landessprache hinzugeben, in Tadschikistan war das allein schon aufgrund einer großen Sprachvielfalt im Land eine Odyssee.

Habt ihr darüber hinaus noch Nachhaltigkeitstipps, die viel Reisen und Nachhaltigkeit in Einklang bringen?

Ultimativ gibt’s ja eigentlich nur: Zuhause bleiben. Oder lokal reisen. Wenn wir aber weiter weg reisen, dann ist unser Kompromiss, immer CO2 zu kompensieren. Nicht nur für Flüge, sondern auch für Fahrten mit dem Camper zum Beispiel. Der Goldstandard sollte da das Minimum sein, auf das man beim Kompensieren achtet. Die Projektauswahl finde ich bei vielen Unternehmen, die CO2-Kompensationen anbieten, auch noch nicht so gut. Man braucht einen emotionalen Anreiz, um bereit zu sein, zu kompensieren. Viele Seiten finde ich zu unpersönlich – aber das können wir ja vielleicht perspektivisch auch mit SunHelp angehen …

Autor

Hey, ich bin Mina! Geboren in Berlin, bin ich schon immer gern unterwegs. Mich reizen Städte, Architektur und das urbane Leben, ich liebe Pflanzen, Natur und Kunst aber genauso. Ich bin durchs südliche Afrika getrampt und um für Frieden in Syrien zu protestieren quer durch Serbien gewandert. Ich durfte Machu Picchu sehen, im Antiatlas Rad fahren und in Tansania Interviews auf Swahili führen. Ich gehe stets der Fragestellung nach: Wie kann ich nicht nur ökologisch sondern auch ethisch nachhaltig reisen?

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