„Be breizh!“ am Golf von Morbihan in der Bretagne. Von Steven. Auf Einladung. 

Nantes verschwindet hinter unseren Rücken und wird immer kleiner. Wir fahren über kleine und große Straßen in Richtung Meer. Über uns ein grauer, lichtundurchlässiger Wolkenteppich, der immer mehr Wassermassen in Richtung Erdboden drückt.

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Seit Wochen freue ich mich auf die Bretagne. Endlich bin ich mal wieder am Meer und endlich bin ich zurück in Frankreich. Und dann diese Ankunft. Mein Gepäck geht irgendwo zwischen Berlin und Nantes verloren, ich bin müde, genervt und hungrig. Noch vor Stunden habe ich mir in liebevoller Zeremonie zwei selbstgebackene Paprikabrote mit Rucola und Roter-Beete-Creme geschmiert und sie dann in mein Aufgabegepäck getan. Was für ein eklatanter Fehler.

Die Momente, in denen ich schlecht gelaunt bin, sind rar. Inzwischen jedenfalls. Denn glaubt man den Anekdoten meiner Familie, war ich in der Pubertät durchaus kein einfacher Mensch. Inzwischen ist vieles anders. Ich genieße viele Augenblicke meines Lebens und bin überwiegend freundlich.

Also, was soll der Mist.

Ich sollte aufhören unbegründet muffelig zu sein, denn …

 

… das Glück hängt nicht vom Wetter ab.

Wir erreichen die Stadt Sarzeau auf der Halbinsel Rhuys und halten vor einem schönen Steingebäude mit schwarzem Schieferdach. Es regnet noch immer, schade, dass wir von den 2000 jährlichen Sonnenstunden am Golf keine erfahren werden. Ein Blick in die Wolken erweckt den Anschein, dass es den ganzen Tag weiterregnen wird. „Be breizh!“ würde ein Bretone jetzt wohl sagen, was irgendetwas zwischen „Viel Glück“, „Fühl dich wohl.“ und „Entspann dich.“ bedeutet.

Ich hänge mir meine Kamera um und trotte zum Fahrradverleih. Ein junger Mann in schwarzem T-Shirt wischt den Sattel meines Fahrrads ab. Misstrauisch schaue ich ihn an und überlege, ob er uns, um den Fahrradsattel trocken zu halten, die ganze Tour über begleiten wird. Dann treffen wir Aline. Sie zeigt uns eine Fahrradroute entlang des Golfs von Morbihan. Die Halbinsel Rhuys trennt den Golf vom Atlantik. Aline schaut in die Wolken, blickt auf ihre Uhr und versichert uns, dass der Regen gleich stoppen wird. Ich kann es nicht glauben. Doch kurz nachdem ich mich auf den Fahrradsattel geschwungen habe, stoppt der Regen. Binnen weniger Minuten klart der Himmel auf und die warmen Sonnenstrahlen trocknen meinen klammen Kapuzenpullover. Und mit dem Licht der Sonne breitet sich auch meine Zufriedenheit wieder in mir aus. Ich bin angekommen in der Bretagne.

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… das Glück hängt nicht von Erdbeertörtchen ab.

Oli und ich radeln durch Sarzeau, vorbei an alten Steingebäuden, eisigen Fischmärkten und einem Kirchturm, der ein junger Bruder des Big Bens sein könnte. Der Geruch des Meeres wird auf dem Weg nach Saint Armel immer intensiver. Schließlich stoppen wir im Le Moulin à Café, das uns Aline empfohlen hatte. Es ist an der Zeit etwas gegen meinen hungrigen Magen zu unternehmen. Außerdem muss Olis Durst nach Cidre gestillt werden. In frechem Französisch empfängt man uns. Ich stammle meine Bestellung in zusammenhangslosen Worten, während Oli in für mich wohlklingendem Französisch ein paar Köstlichkeiten ordert. Schließlich bekomme ich einen Café au lait und ein Erdbeertörtchen. Beides ist köstlich. Mein Unmut, ist gegessen. Endlich.

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Wir schwingen uns wieder aufs Rad und erreichen nach einer kurzen Abfahrt eine matschige Fläche, über der sich sonst das Meer befindet. Es ist Ebbe, das Meer ist verschwunden. Vögel picken im Watt, der Wind weht durch meine etwas zu lang geratenen Haare und wenige Menschen spazieren über die schlammige Landschaft. Unter einem mächtigen Nadelbaum parke ich mein Fahrrad und renne ins Meer, beziehungsweise in das, was davon übrig geblieben ist.

 

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Ich steuere direkt auf einen Muschelfischer zu. In Shorts und T-Shirt steht er auf dem eigentlichen Grund des Meeres und sammelt mit einer kleinen Harke und Gummihandschuhen herzförmige Muscheln aus dem Schlamm. Meine Turnschuhe werden schnell feucht und ich ziehe sie aus. Währenddessen bekomme ich mit, wie der Mann mahnende Worte in meine Richtung ruft.

Doch der Wind ist zu stark und mein Französisch zu schlecht.

Wenige Schritte später verstehe ich, welchen Hinweis er mir geben wollte: Die Muschelschalen stechen in meine Fußsohlen und hinterlassen tiefe Kratzer. Aber wenigstens bringe ich in Erfahrung, dass der Mann Venusmuscheln sammelt. Jedoch nur für den Eigenbedarf, gibt er mehrmals zu verstehen, denn das Fischen von Muscheln ist nur bei eigener Verwendung gestattet.

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Sein Einsatz lohnt sich. Auf dem Fischmarkt sehe ich die Venusmuscheln später für 14,80 Euro je Kilogramm. Zubereitet werden sie meistens so: 30 Minuten in Salzwasser wässern, beschädigte Muscheln entfernen, nun mit Zwiebeln und Knoblauch in Öl andünsten und abschließend mit Weißwein ablöschen. Dann solange garen lassen, bis sich alle Muscheln geöffnet haben. Fertig.

Neben den Venusmuscheln sind vor allem Jakobs-, Schwert- und Miesmuscheln sowie Austern in der Bretagne beliebt und bekannt. Ob ein Pescetarier Muscheln essen darf, frage ich mich einige Tage später, als ich meine erste Auster schlürfe.

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… das Glück hängt ausschließlich von dir selbst ab.

Fünf Austern später. Eine Fähre der Compagnie Océane hat Oli und mich inzwischen auf die Île de Groix gebracht. Diese liegt zwar nicht im Golf von Morbihan, aber noch im Département Morbihan.

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In einem gemütlich-urigen Zimmer im Hôtel de la Marine
 verstauen wir unser Gepäck, ziehen unsere Laufschuhe an und machen einen famos ungeplanten Trailrun. Ich knicke zwei Mal brutal um und befürchte statt meines rechten Knöchels befindet sich nur noch Kalk zwischen Haut und Gelenken. Nach dreizehn Kilometern stellen wir fest, dass es halb so wild ist. Wir satteln auf Fahrräder um und fahren ans westliche Ende der Île de Groix zum Leuchtturm Pen-Men. Seit 1839 strahlt er schon mit einer sagenhaften Distanz von über 50 Kilometern über das Meer.

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Direkt vor dem Leuchtturm treffen wir Marine. Sie wird für uns übersetzen, wenn wir Christian von der Vereinigung zum Schutz der Schwarzen Bienen treffen. Nervös zeigt sie uns ihre Notizen und Aufzeichnungen. Sie ist perfekt vorbereitet. Erst später erfahren wir, dass Christian ihr zur Vorbereitung auf die Übersetzung einen ganzen Stapel Fachbücher empfohlen hat. Christian ist jemand, der es sehr genau nimmt. Sein Haar ist graumeliert, das Gesicht von der Inselsonne gezeichnet. Er trägt eine Lesebrille mit rotem Gestell. Ab und zu verhaspelt er sich. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil er vor Informationen und Wissen nur so strotzt. Ich denke mit ihm könnte ich zwei Jahre auf einer einsamen Insel verbringen und würde mich nicht langweilen.

Zunächst erzählt er uns die Geschichte der Schwarzen Biene, auch Dunkle Europäische Biene (Apis mellifera mellifera) genannt, die ursprünglich in unseren Breiten beheimatet war. Die Deutschen waren es schlussendlich, die sie für zu wenig produktiv hielten und asiatische Honigbienen ins Land schleppten. Da diese produktiver sind und in kürzerer Zeit mehr Honig sammeln, sind sie widerstandsfähiger und sorgen bis heute für die Verdrängung der Schwarzen Bienen. Inzwischen zählen sie zu den gefährdeten Lebewesen und leben nur noch in wenigen Teilen Europas. In der Bretagne gibt es drei Schutzprojekte auf den Inseln Ouessant und Belle-Île und eben Groix.

In kosmonautischen Schutzanzügen besuchen wir nach dem geschichtlichen Intro die Schwarzen Bienen und machen uns auf die Suche nach der Königin – und das ist gar nicht so einfach in einem Bienenstaat, in dem 10.000 Tiere leben.

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„Qui voit Groix, voit sa joie“ – wer
 Groix sieht, sieht seine Freude, meinen die Bretonen. Schaue ich mir Christian an, sehe ich in ihm einen sehr glücklichen pensionierten Seemann, der seine Freizeit in den Schutz einer gefährdeten Bienenart steckt. Er ist voller Leidenschaft und Tatendrang für dieses kleine Insekt. Und er ist glücklich mit dem was er macht, denn das Glück hängt nur von dir selbst ab. Be breizh!

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Meine Reise durch die Bretagne wurde von Tourisme Bretagne unterstützt und ermöglicht. Außerdem durfte ich auch auf die Unterstützung zahlreicher regionaler Unternehmen zählen. Ich danke für diese Möglichkeit und garantiere, dass meine Meinung von der Einladung nicht beeinflusst wurde. 

Autor

Ich bin Steven, 28 Jahre alt und der Autor dieses Blogs über Reisen, Natur und Nachhaltigkeit. Schön, dass du hier bist. Projektvorschläge, interessante Themen oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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