Zwei, drei Schritte vor, der mächtige Schirm richtet sich auf und zieht uns wenige Meter nach hinten. Und während wir ganz leicht nach hinten gezogen werden, machen wir weitere mühsame Schritte nach vorne. Ganz so, wie es mir Wolfgang in der Trockenübung gezeigt hatte. Und dann, ganz schnell und unverhofft, verlassen meine Füße den Boden. Sanft und leise heben wir ab und verlassen den sicheren Halt unter unseren Füßen. Als ich nach unten blicke und die Bäume geschätzte 40 Meter unter uns sehe, zieht sich mein Magen leicht zusammen.

Früher hatte ich in solchen Momenten panische Angst. Höhenangst sagten sie dazu. Doch mittlerweile beschränkt sich meine Angst vor der Höhe nur noch auf Momente in denen ich ungesichert vor dem Abgrund stehe. Sobald ich in der Luft bin, ist alles gut. Früher träumte ich immer, dass ich irgendwo abrutschen und tief fallen könnte. Ein Mal träumte ich sogar, dass mein kleiner Bruder wochenlang unter einer Zirkustreppe lebte, weil er hineingefallen war und wir ihn nicht herausholen konnten. Doch heute ist alles anders. Zum einen würde mein Bruder nicht mehr zwischen den schmalen Spalt zweier Treppenstufen passen und zum anderen habe ich einen Großteil meiner Höhenangst verloren.

Nun sitze ich hier in den Gurten unseres Tandem-Gleitschirms und genieße das Panorama der nördlichen Alpen. Und obwohl ich im Normalfall ziemlich viel rede, fange ich in diesen Momenten an zu schweigen. Wolfgang erkundigt sich mehrmals wie es mir geht, so still bin ich. Ich habe keine Angst, fühle mich nicht unwohl oder bin etwa beunruhigt: Ich bin begeistert und genieße den Moment.

Gleitschirm in der Luft

Ohne Motoren und ohne eigene Körperkraft gleiten wir nur mit Hilfe der Thermik am Hang des Bischlings hinauf. Auf etwa 1.835 Meter sind wir gestartet und schrauben uns, so würde ich schätzen, bis auf etwa 2.000 Meter empor, ehe wir kehrt machen, über die Spitze des Bischlings gleiten und in Richtung Werfenweng fliegen. In Werfenweng verbrachte ich die Tage zuvor und entdeckte dort das Elektromobilitätskonzept der Stadt. Von hier oben habe ich nun die einmalige Gelegenheit einen Überblick über das ganze Dorf zu erhaschen. Doch bei der Größe Werfenwengs hätten es wohl auch wenige hundert Höhenmeter getan.

Aussicht auf Hochkönig und Werfenweng

Ich erzähle Wolfgang wie glücklich ich bin, dass wir nach einigen Terminverschiebungen nun doch endlich zusammen gen Himmel starten konnten. Das nimmt er zum Anlass und fragt, ob ich selbst fliegen will. Ich nehme die Leinen in die Hand und staune. Es gibt kein Gas und keine Bremse. Es gibt nur links und rechts. Um eine ausgedehnte Linkskurve zu fliegen, muss ich nur die linke Leine ziehen und mein Körpergewicht etwas verlagern. Folglich bremst der linke Teil des Schirms ab, wobei der rechte Bereich mit gleicher Geschwindigkeit weiter fliegt: Eine Linkskurve ist die erwünschte Folge. Hinauf geht es nur mit Hilfe der Thermik – wohingegen hinunter fliegen immer möglich ist.

Gleitschirm über Werfenweng

Danach übernimmt Wolfgang wieder die Leinen und zeigt mir mal wie man richtig schnell an Höhe verliert und dabei einen Heidenspaß hat. Mit rasanten Schrauben kommen wir ganz nahe Richtung Erdoberfläche und Kotzgrenze. Ulkig wie sich solche Gefühle immer im Magen ausbreiten. Ehe ich es überhaupt begreifen kann, landen wir ganz langsam und sanft auf einer Wiese.

nach der landung mit Gleitschirm

Für dieses Erlebnis finde ich im Anschluss gar nicht die richtigen Worte, so dass sich mein Redeschwall in Aneinanderreihungen des Wortes „Geil!“ entwickelt. Wolfgang merkt mir meine Begeisterung an und bietet mir noch einen Schnupperkurs an. Am Ende des Schnupperkurses würde ich sogar wenige Minuten ganz alleine durch die Lüfte schweben. Doch so viel Zeit habe ich leider nicht mehr. Meine Rückfahrt nach Berlin ist bereits geplant und ein paar Termine liegen in der Heimat an.

Wie schade, denke ich und erkundige mich noch ganz hastig nach den Ausbildungsmöglichkeiten. Die zwei wichtigsten Zahlen sind trotz meiner Aufregung hängen geblieben: 4 Wochen und 1000 €.

Was könnte ich mir besseres vorstellen als im nächsten Jahr vier Wochen in den Bergen zu leben und einen Gleitschirmschein zu machen?

Meiner Meinung nach sind es unsere Träume, Visionen, Pläne, Flausen und Vorstellungen, die das Leben noch lebenswerter machen. Ich liebe diese Momente in denen ich etwas toll finde, es unbedingt machen möchte und zum Erstaunen aller im nächsten Jahr meinen Rucksack packe und einen Monat nach Werfenweng auswandere. Oder hättest du geglaubt, dass ich 9 Monate nach dem Schreiben meiner Bucketliste mal mit einem Gleitschirm über die Alpen fliege?

vor dem Flug mit dem Gleitschirm

flytandem.at am Bischling

 

 

Ich danke Wolfgang von FlyTandem für diesen grandiosen Vormittag und für die Einladung zu diesem Flug. Meine Meinung bleibt davon unvoreingenommen und meine eigene.

Autor

Ich bin Steven, 29 Jahre alt und der Autor dieses Blogs Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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