Mi casa es su casa

Gastfreundschaft und Gastlichkeit unterwegs

von Jens Notroff

 

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ Man muss kein regelmäßiger Kirchgänger sein, um gerade dieser Tage die mit eben diesen Worten eingeleitete Weichnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium zu kennen. Bekanntlich verbrachten Maria und Josef die Nacht in einem Stall, wo sie die Gastfreundschaft von Esel und Schaf in Anspruch nehmen mussten, „… denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Allein in einer fremden Stadt, allein in fremder Umgebung, allein unter fremden Menschen. Dieses flaue Gefühl mit etwas völlig Neuem in Berührung zu kommen, der sowohl anregende als auch einschüchternde Gedanke an das Unbekannte und Unvertraute dürfte wohl jedem, der eine Reise macht, bekannt sein. Auf die eine oder andere Weise ist schließlich ein jeder von uns in der Fremde auf die Gastfreundschaft anderer angewiesen. Glücklich also, wer dann einen Raum in der Herberge hat oder sich der Obhut eines fürsorglichen Gastgebers anvertrauen kann. Ich reise gern. Und, möchte ich meinen, auch vergleichsweise viel. Nicht nur privat zieht es mich (mit einer gewissen Präferenz für Skandinavien und den noch höheren Norden) mit dem Rucksack in die Ferne; auch beruflich stopfe ich meine Siebensachen ein ums andere Mal in den Seesack, um mich für ein paar Wochen oder gelegentlich auch Monate auf Ausgrabungsexpeditionen zu begeben (die mich in den letzten Jahren vor allen Dingen in den Orient führten). Oft habe ich mich dabei der Gastfreundschaft von Freunden und Bekannten ebenso wie von Fremden (die nicht selten bald neue Freunde werden sollten) erfreut.

gastfreundschaft

Gastfreundschaft. Aus religiöser Barmherzigkeit erwachsen, ist diese Empathie mit dem schutzbedürftigen Reisenden fern der Heimat tief in der menschlichen Kultur und Geschichte verwurzelt. Der bedingungslose Schutz des anvertrauten Gastes ist ein so wichtiges Gut, dass er im antiken Griechenland und alten Rom gar rechtlich verbindlich geregelt war und in Zeiten erstarkenden Verkehrs und Handels derart an ökonomischer Bedeutung gewann, dass er mit Hospitälern und schließlich Gasthäusern seine Institutionalisierung fand. Der Schritt hin zu modernen Hotelanlagen war dann nur noch ein kurzer. Damit haben Gastrecht und Gastfreundschaft zwar tatsächlich endgültig auch einen Dienstleistungscharakter angenommen, an Bedeutung aber freilich mitnichten eingebüßt.

 

Es sind jedoch nach wie vor die echten, persönlichen und zwischenmenschlichen Kontakte, die das Reisen selbst (oder besser: gerade) in Zeiten zunehmender Globalisierung zu einem besonderen Erlebnis machen. Jedes Hotelzimmer, sei es noch so luxuriös oder zweckmäßig eingerichtet, ist letztlich Inszenierung. Eine Inszenierung, die das ‚echte Leben‘ aussperrt. Und ganz ehrlich: Ich persönlich unternehme eine Reise i.d.R. eigentlich und vor allem wegen dieses echten Lebens. Wegen des Er-lebens. Dieser unmittelbare Kontakt ist essentieller Teil des Gesamtpaketes, auf das man sich bei einer Reise einlassen sollte (sonst verliert das ganze Verreisen meiner Meinung nach, da mag der Entdeckerdrang mit mir durchgehen, schnell an Sinn und man könnte genauso gut zuhause bleiben). Das kann durchaus auch schon beim sprichwörtlichen Dach über dem Kopf und dem Bett, in dem man schläft beginnen. Selbst wenn es sich ‚nur‘ um das Gästesofa eines fernen Verwandten oder des Freundes eines Freundes handeln mag. Oder eben eines Fremden. Denn abseits der großen Beherbergungsunternehmen findet der Reisende freilich auch heute noch reichlich Gelegenheit einer familiärer geprägten Unterbringung. In Zeiten von Couchsurfing und Online-Communities umso mehr. Jemanden in die eigenen vier Wände einzuladen, ist einerseits ein gehöriger Vertrauensbeweis, die richtigen Menschen vermögen es andererseits, ein ‚Zuhause’ fern von Zuhause zu schaffen. Eine Insel inmitten des Unbekannten, ein Basislager für all die Erkundungen in der Fremde.

 

Neue Bekanntschaften macht man auf diese Weise gewissermaßen automatisch – und nie war es leichter den Kontakt zu solchen Reisebekanntschaften aufrechtzuerhalten als in Zeiten sozialer Netzwerke, die – bei aller berechtigten Kritik – meines Erachtens (davon bin ich nicht nur überzeugt, sondern sehe mich aus eigener Erfahrung bestätigt) gerade hier ihre volle Stärke ausspielen können. Aus Reisebekanntschaften können nämlich alsbald echte Freundschaften wachsen – die besondere Nähe, das tief verwurzelte Verhältnis von Gastgeber und Gast spielt hierbei natürlich eine nicht unerhebliche Rolle. Und wenn man selbst einmal in den Genuss von Gastlichkeit inmitten der Fremde gekommen ist, stellt sich die Frage nach der selbstverständlichen Gegenseitigkeit dieser Geste freilich nicht mehr.

 

Es ist ein nicht zu unterschätzendes Glück, in einer fremden Stadt im strömenden Regen aus dem Zug auf den Bahnsteig zu steigen und zu wissen, dass man nur eine kurze Fahrt mit dem nächsten Bus von einer warmen Stube und Tasse heißen Kaffees entfernt ist. Und eben nicht auf der Suche nach einem noch offenen (und v.a. dem verbliebenen Reisebudget angemessenen) Hotel das Kopenhagener Bahnhofsviertel in voranschreitender Nacht zu erkunden, nur um schließlich ohne Fragen zu stellen in der erstbesten bezahlbaren Unterkunft zu bleiben (strömender Regen, ich erwähnte es) und erst im Verlauf der Nacht zu bemerken, dass der Wirt die Zimmer sonst eher stundenweise vermietet.

Es ist ein besonderer Moment, wenn eine Schar kurdischer Arbeiter, darauf bestehend, man möge ihnen Gesellschaft leisten, das karge Pausenmahl ganz selbstverständlich im Schatten ausbreitet und so die keineswegs unwillkommene Gelegenheit bietet, dem mittäglichen Glutofen der anatolischen Steppe für einen Moment zu entkommen. Wenn dann die Mahlzeit trotz Sprachbarrieren auf beiden Seiten von einer angeregten, herzlichen Plauderei begleitet wird, ahnt man wie die orientalische Gastfreundschaft zu ihrem legendären Ruf gekommen sein muss.

Es ist eine ehrlich empfundene Freude nach einem kraftzehrenden Paddeltag im Kajak endlich an einem flachen, ausgebauten Ufer anzulanden und festzustellen, dass die windgeschützt gelegene Wiese von ihrem Besitzer ohne große Rede für den Aufbau des Lagers zur Verfügung gestellt wird und am Ende, nachdem das Boot entladen ist und das Zelt schließlich steht, sogar noch ein Bier für die erschöpften Kanuten winkt.

 

Deshalb sei dieser kurze Beitrag auch unbedingt mit einem ganz persönlichen Dank an all jene verbunden, die mich so oft willkommen geheißen und aufgenommen und so selbstverständlich das sprichwörtliche Brot mit mir geteilt haben. Von Kim in Kopenhagen bis hin zu Tarik and Hassan im Südosten der Türkei – diese Namen sollen stellvertretend für viele andere stehen (die mir hoffentlich nachsehen, die Liste dem Leser zuliebe kurz zu halten), denen ich von Herzen für ihre (Gast-) Freundschaft danken möchte.

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Dieser Gastbeitrag von Jens ist ein Teil des Funkloch Adventskalenders 2015, bei dem Reisende über “Gutes tun” berichten.

Eine Übersicht aller Adventskalender-Beiträge findet ihr hier.

 

jens_notroffJens ist aktuell viel im Nahen Osten unterwegs und das auch beruflichen Gründen. Er hat in Berlin Archäologie, Geschichte und Journalismus studiert. Nach seinem Studium macht er sich auf in die Welt. Über Polen, Rumänien, Jordanien und die Türkei ging es immer weiter in die Ferne; zum Arbeiten überwiegend, zum Reisen immer öfter. Irgendwie erinnert mich sein Lebenslauf an eine meiner liebsten Fernsehserien der Kindheit: Relic Hunter. Dem modernen Relic Hunter Jens, folgt ihr am besten über lettersfromthefield.com. Das Reinlesen in den englischsprachigen Blog lohnt garantiert!

Autor

Ich bin Steven, 29 Jahre alt und der Autor dieses Blogs Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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