Auf Einladung im Fläming.

Die Sonne steht noch tief an diesem Morgen, als ich aus der Bahn der Linie RE 3 in Oehna steige. Ich kann kaum etwas sehen, so sehr blendet sie mich. Keine fünf Meter zu meiner Rechten sitzt ein gut gelaunter Kerl in einem dreirädrigen Liegefahrrad. Die rote Aufschrift sausetritt auf seinem hellblauen Poloshirt verrät mir, dass es sich um Ralf handeln muss. „Steve Hill?“ fragt er zaghaft und lässt dabei die letzten beiden Buchstaben meines Vor- und Nachnamens weg. Super, hier fühle ich mich gleich Zuhause. Denn genau auf diese Art und Weise ist mein Spitzname Stiefel entstanden.

Nach kurzem Händeschütteln nehme ich auf dem vordersten Sitz Platz und trete in die Pedale. Der kraftvolle Elektromotor fängt sofort an zu unterstützen und so sausen wir mit voller Kraft meinem Tag auf der Flaeming-Skate entgegen.

Auf dem Weg bittet mich Ralf anzuhalten. Ein junger Mann, der mit mir im Zug saß, springt auf den letzten Sitz des Liegefahrrads. Wir nehmen ihn mit ins Dorf. Es ist ruhig in Oehna. Nur ein einziges Auto überholt uns auf dem Weg vom Bahnhof zu Ralfs Fahrradverleih. Eine freundliche Oma winkt uns zu. Erst später erfahre ich, dass die ältere Dame Ralfs Vermieterin und inzwischen auch seine Schwiegermutter ist.

Im Liegefahrradverleih sausetritt gut ausgerüstet in den Tag

Im Liegefahrradverleih gibt mir Ralf eine kurze Einweisung. Er zeigt mir die unterschiedlichsten Modelle. Seine Begeisterung ist enorm. Und ansteckend. Seine Auswahl an Liegefahrrädern ist noch viel beeindruckender. Liebevoll nennt er sein Geschäft den „besten Liegeradverleih der nördlichen Hemisphäre“. Besonders bedürftige Menschen kommen gerne bei ihm vorbei. Ralf ist es egal, ob jemandem ein Bein oder ein Arm fehlt oder ob er oder sie gelähmt ist. Nach kurzer Tüftelei bekommt er jeden aufs Fahrrad. „Die meisten kommen wieder“, sagt er. Andere kaufen bei ihm aber auch ein eigenes Rad.

Jetzt bin ich neugierig geworden und probiere einige Fahrräder aus. Zum Beispiel ein Rad, bei dem ich mit den Händen für den Anschub sorge. Es wiegt nur 7,65 Kilogramm. Anstrengend ist das Kurbeln zur Fortbewegung trotzdem. Nach einer kurzen Testfahrt spüre ich meine Oberarme ziemlich mächtig.

Zeit für eine kurze Pause mit Kaffee und Kuchen. Zwischendurch haben wir unerwarteten Besuch von einem Paar aus Berlin bekommen. Die beiden erfüllen sich einen kleinen Traum und erkunden heute Vormittag die Flaeming-Skate auf dem Liegerad. Zu viert sitzen wir nun in Ralfs Fahrradverleih, trinken Kaffee und essen Kuchen. Als die Berlinerin aufspringt und beginnt auf einem Einrad zu radeln, sie war früher einmal Kunstradlerin, reibe ich mir verwundert die Augen und blicke erstmals auf die Uhr.
10.31 Uhr. Ich sollte langsam mal in den Tag starten.

Ralf empfiehlt mir zwei Räder für den Tag auf der Flaeming-Skate. Zunächst nehme ich ein oranges Liegerad mit drei Rädern und Elektromotor. Am Nachmittag werde ich ein Elektrofahrrad von elby testen. Und los geht’s.

Ich verlasse Oehna in südwestlicher Richtung, fahre einen Schlenker und lande auf den Rundkursen 1 und 4. Nun geht es nordwestlich in Richtung Fröhden. Schon nach den ersten Metern fällt mir der unheimlich sanfte Asphalt auf. Die feine Körnung ist geräuscharm und lässt mein Rad extrem gut rollen. Bergab schalte ich die Rekuperation ein, um Energie in den Fahrradakku zurück zu gewinnen. Das ist super, bringt aber tatsächlich nicht sehr viel. Schon nach 15 Kilometern, als ich auf den Rundkursen 5 und 6 auf dem Weg nach Wahlsdorf bin, habe ich den halben Akku verbraten.

Kaffeepause in der Kreativ- und Patchworkbude in Wahlsdorf

Weit hinter dem Zeitplan erreiche ich Wahlsdorf. Michaela und ihre Mama scheint das nicht zu stören. Sie sind gerade noch ganz emsig mit einer Schulklasse beschäftigt. Zusammen basteln sie heute Traumfänger aus Filz. Ich schaue mich um. Hier lagern Tonnen von Bastelutensilien. Für einen Klassenausflug scheint die Kreativbude genau der richtige Ort. Ich erzähle den beiden, dass ich zum Basteln viel zu ungeduldig bin. Also trinke ich stattdessen Kaffee und esse Kuchen. Huch, das ist schon mein zweites Stück Kuchen heute. Und was für eins. Michaela hat vom Dorfbäcker einen mit Zuckerguss überzogenen Blätterteigkuchen mit Quarkfüllung besorgt. Das Teilchen haut ordentlich rein. Zeit weiter zu radeln.

Um den Akku zu füllen, schalte ich die Rekuperation auf Stufe eins von vier. Das erschwert das Treten, hilft aber den müden Akku zu füllen. Bei meinem nächsten Stopp tausche ich mit Ralf die Fahrräder. Ich will zumindest etwas Anstand besitzen und ihm sein Fahrrad mit etwas Restakku übergeben. Leider entscheide ich mich genau auf der anstrengendsten Tagesetappe für mein Samaritertum. Auf dem Rundkurs 1 geht es in Richtung Petkus fast 5 Kilometer nur bergauf. Ich bin ziemlich fertig, als ich das erste Skatehotel Europas erreiche. Zur großen Belustigung stelle ich vor Ort fest, dass Ralf mit Auto und Anhänger angereist ist. Die Anstrengung war nutzlos.

Mittagspause bei der Familie des Roggenkönigs

Am Gutshaus Petkus lerne ich Alexandra kennen. Sie führt mich durch das Skatehotel, in dem an diesem Tag besonders viele Schüler durch die Flure flitzen. Werktags wird das Gutshaus gerne für Klassenfahrten genutzt, am Wochenende lassen sich hier Familien und Freunde nieder und entspannen in der Natur des Flämings.

Alexandra erklärt mir, was es mit dem Namen des Restaurants Roggenkönig auf sich hat. Das Gutshaus war ehemals im Besitz von Ferdinand von Lochow III. In der Landwirtschaft ist der Mann ein bekannter Züchter. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte er durch ständige Auslese einen sehr leistungsstarken Roggen gezüchtet, der auf den Sandböden des Flämings recht anspruchslos und leistungsstark zugleich war. Gegen 1938 wurden hier vor Ort 80 Prozent des deutschen und 40 Prozent des weltweiten Roggensamens produziert. Ein geschichtsträchtiger Ort, über deren Geschichte Alexandra und ihr Mann Ferdinand von Lochow VII., der Ururenkel des berühmten Roggenkönigs, gerne berichten. Noch heute betreibt die Familie neben dem Gutshaus Landwirtschaft.

Alexandra lädt mich zum Essen ein. Ohne groß zu überlegen, wähle ich den Spargel. Diese Spargelsaison nutze ich voll aus. Ich begrüße Spargelgericht Nummer 9. Und es ist eines der besten. Weil ich auf Schnitzel und Schinken verzichte, hüllt der Koch des Roggenkönigs meinen Spargel in ein Omelett. Was für eine Liaison! Bon Appétit!

Nochmal Kuchen und das Landleben der letzten 200 Jahre

Für einen Verdauungsschnaps bleibt nach dem Essen keine Zeit. Außerdem wäre das vor dem Radeln mit dem elby auch keine gute Idee gewesen, dann das E-Bike hat ordentlich Dampf. Während viele Elektroräder nur mit 15 bis 20 Prozent unterstützen, leistet das elby zeitweise ganze 60 Prozent Schubkraft – aber nur bis eine Geschwindigkeit von 28 km/h erreicht wird. Die restlichen Prozente müssen selbst erstrampelt werden, aber das ist beinahe so einfach wie fortwährend bergab fahren. Mir fällt ein, dass es nun überwiegend bergab geht. Dieser Streckenabschnitt wird einfach. Als ich in Petkus starte, sehe ich schwarze Gewitterwolken am Himmel. Rund um mich herum regnet es. Jetzt dem sicheren Nass entgegen radeln? Niemals! Ich raste auf einer Bank und schaue mir den Himmel an. „20 Minuten“, schätze ich und informiere Frau Bölke per Telefon.

In Jänickendorf regnet es gerade wie aus Eimern. Frau Bölke ist beruhigt, dass ich noch nicht unterwegs bin. Tatsächlich erreiche ich eine ganze Stunde später Jänickendorf komplett trockenen Fahrrads. Der Plan mit der kurzen Warterei geht auf.

In Jänickendorf haben Frau und Herr Bölke eine beeindruckende Museums-Scheune aufgebaut. Ihnen war es wichtig Dinge der Vergangenheit für die Nachwelt zu erhalten. Nun informiert das selbst geschaffene Museum über das Landleben der letzten 200 Jahre. Vom Spargelstechen bis zur Butterproduktion versammelt die ehemalige Scheune auf zwei Etagen allerlei Relikte der Vergangenheit. Als Frau Bölke mit ihren Erklärungen beginnt, ist sie voll in ihrem Element. Ihr bereitet es unheimlichen Spaß, Wissen weiterzugeben. Daher schreibt sie auch die Gemeindechronik von Jänickendorf und bereitet mit der Rentnergruppe des Dorfes Erinnerungen der Vergangenheit auf. Chapeau!

Natürlich essen wir nach meiner Ankunft erstmal ein Stück Kuchen. Haha. Nummer 3, bemerke ich belustigt. Die Elektrofahrradfahrerei wird mir nicht sonderlich geholfen haben die überschüssigen Kalorien abzubauen – aber hey … yolo! Frau Bölke sieht es wohl ähnlich und schiebt den Teller voller Kuchen noch ein Stückchen mehr in meine Richtung. Na gut, eins geht noch. Dann rolle ich zum Bahnhof nach Luckenwalde.

Bis bald, Fläming! Bis bald ihr zauberhaften Menschen!

Hinweis: Mein Tagesausflug über die Flaeming-Skate wurde vom Tourismusverband Fläming organisiert und ermöglicht. Ich danke für diese Möglichkeit und garantiere, dass meine Meinung von der Einladung nicht beeinflusst wurde.

Autor

Ich bin Steven, 28 Jahre alt und der Autor dieses Blogs über Reisen, Natur und Nachhaltigkeit. Schön, dass du hier bist. Projektvorschläge, interessante Themen oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

Hinterlasse ein Kommentar

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu