Arosa Bärenland – Ein neues Zuhause für gequälte Braunbären

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Immer weiter entferne ich mich vom Bahnhof Arosa. Hinter mir verschwindet der Obersee zwischen den Bäumen. Ein Blick nach vorne. Zwei Rehe kreuzen eilig die Schneise, die für den Bau der Weisshornbahn unabdingbar war. Bevor das hintere Reh im Wald verschwindet, blickt es neugierig den Berg hinauf. In zwei Etappen erreicht man mit der Luftseilbahn von Arosa das Weisshorn (2653 m) im Kanton Graubünden.

Doch mein Ziel ist zunächst gar nicht der Gipfel. Ich will mir auf Höhe der Mittelstation das Arosa Bärenland anschauen, das erst im letzten Jahr eröffnet wurde. Bei der Abreise im Bergwaldprojekt in Val Medel war man vom Bärenland nicht sonderlich angetan. Eine flüchtige Bekanntschaft im Dorf Curaglia sagte, sie „halte nichts von der Eventisierung der Alpen.“ Die gigantischen Gipfel, weite Bergwälder und ein Alpen-Panorama seien für sie Grund genug die Schweizer Alpen zu bereisen. Ich stimmte ihr generell zu.

Jetzt wo ich die Umrisse des Hauptgebäudes sehe, erinnere ich mich ganz plötzlich an ihre Worte. Hat man keine Ahnung was einen hier oben erwartet, könnte man meinen die Schweizer hätten hier auf über 2000 Meter einen Zoo gegründet, um den Tourismus anzukurbeln. Doch zum Glück ist es ganz anders.

Das schreckliche Leben der Bären, bevor sie ins Arosa Bärenland kamen

Vor Ort treffe ich die Tierpflegerin Daria Jörg. Die junge Schweizerin aus dem Berner Land ist seit den ersten Tagen dabei. Sie führt mich durch die Ausstellung. An ihr führt (leider) kein Weg vorbei. Ehe man die Bären sieht, muss man den Leidensweg der Tiere erfahren. Und das schlägt mir ordentlich aufs Gemüt.

Tierpflegerin Daria Jörg
Tierpflegerin Daria Jörg

Die meisten Braunbären werden in osteuropäischen Ländern gehalten, erklärt Daria. Häufig werden sie als Jungtiere im Wald gefangen. Danach werden die Wildtiere in Ketten gelegt oder in viel zu kleine Käfige gesperrt. Oft hat das Halten der Tiere nur einen Zweck: Sie sollen für die Besitzer Einkommen generieren. Und dafür gibt es viele Möglichkeiten.

Der Braunbär Napa war beispielsweise ein serbischer Zirkusbär. Das Halten der Braunbären wurde dort allerdings schon 2009 verboten, weshalb es den serbischen Behörden 2016 in Zusammenarbeit mit der Tierschutzorganisation Vier Pfoten gelang Napa aus einem winzigen Käfig zu retten. Zum Übergang wurde er in den Zoo Palic gebracht, ehe er 2018 als erster Bewohner in das Arosa Bärenland einziehen konnte.

Die beiden Europäischen Braunbären Amelia und Meimo sind Geschwister und wurden aus einem albanischen Restaurant gerettet. Ihr Halter hatte sie dort eingesperrt, um den Umsatz anzukurbeln. Was anfangs gelang, endete für den Halter in einer Katastrophe. Touristen bewerteten das Restaurant auf Tripadvisor schlecht und sorgten dafür, dass der Restaurantbesitzer sich an Vier Pfoten wandte, um die Bären schnellstmöglich loszuwerden.

Das Beispiel zeigt welche Rollen Touristen dabei spielen. Sind sie davon beeindruckt ein Tier hautnah zu beobachten, dann finanzieren sie die Machenschaften mit.

Erkennen sie das Leid der Braunbären, kann dies den so wichtigen Wandel zu mehr Tierschutz bedeuten. Daher empfiehlt Daria ungewöhnliche Haltungsbedingungen von Tieren zu dokumentieren und zusammen mit Fotos und Angaben des Ortes an Organisationen wie Vier Pfoten zu senden.

Sieht man im Rahmen der Ausstellung wie Bären an der Nase angekettet werden, man ihnen auf heißen Platten „das Tanzen“ beibringt, mit Stromschlägen der freie Wille gebrochen wird und sie mit Bier ruhig gehalten werden, steigt eine unglaubliche Portion Menschenhass in einem auf.

Doch Daria ist reflektiert genug, um sich in die Lage der Menschen zu versetzen. Vor allem aus ärmeren Ländern wie Serbien, dem Kosovo und Albanien sind viele Fälle dokumentiert. Für diese Menschen geht es häufig ums pure Überleben. Mit Braunbären, die in Fußgängerpassagen zur Musik tanzen oder aufrecht durch die Gassen gehen, verdienen diese Menschen ihren Lebensunterhalt. Für sie ist der Bär Mittel zum Zweck und lieber soll es dem Bären schlecht gehen, als dem Bärenführer und seiner Familie selbst. Das rechtfertigt nicht ihr Verhalten, macht es aber für uns einfacher nachzuvollziehen.

In Arosa leben die Europäischen Braunbären jetzt unter natürlichen Bedingungen

Nach der Ausstellung gehen wir auf die Besucherplattform. Hier habe ich erstmals die Möglichkeit die Braunbären zu sehen. Amelia streift gerade durch das Gras und macht sich auf zu einem Teich. Die Nase hat sie stets zum Boden gerichtet, auf der Suche nach Nahrung. Daria erklärt mir, dass es im Bärenland keine Fütterungszeiten gibt. Die gibt es schließlich in der Natur auch nicht. So unregelmäßig wie möglich wird nun Futter im Gehege versteckt, so dass die Bären selbst danach suchen müssen.

Das war bei Napa anfangs gar nicht so einfach. Er brauchte ziemlich lange, um das Futter im Gehege zu finden und hatte zunächst keine ausreichende Kondition, um die steilen Berghänge zu überwinden. Auf 30.000 Quadratmetern haben die drei Braunbären nun viel Auslauf. „Egal, ob drei oder 30 Hektar, den Bären wird man damit nicht gerecht“, gesteht Daria. In der freien Natur hätten sie hunderte Quadratkilometer für sich. Da die Tiere so lange in der Nähe des Menschen waren, ist es nicht mehr möglich sie auszuwildern. Sie haben die Angst vor dem Menschen verloren und würden zur Futtersuche durch die Straßen der Städte spazieren und in den Mülleimern nach Nahrung suchen.

Daher sind Orte wie das Arosa Bärenland ideal, um den Tieren ein zweites Leben zu schenken. Und das geschieht so natürlich wie möglich. Gleich im ersten Jahr nach seiner Ankunft fiel Napa, zur Freude aller Verantwortlichen, in eine Winterruhe.

Tierschutz meets Tourismus

Aber natürlich geht es auch darum den Tourismus anzukurbeln. Arosa ist ein beliebter Winterferienort. Wie wichtig es ist auch im Sommer Gäste zu haben, lernte ich damals in Werfenweng in Österreich.

800 bis 900 Besucher zählt das Arosa Bärenland in diesem Jahr während der Sommermonate. Die Einnahmen (ca. 12 CHF pro Besucher) reichen aber bei weitem nicht aus, um die Anlage zu finanzieren. Daher ist das Bärenland weiterhin auf Sponsoren und Spenden angewiesen.

Das liegt vor allem an den hohen Kosten für das Gehege. Es ist ringsum und auch unterirdisch von einem Zaun umgeben. Zweieinhalb Meter geht er in die Höhe und den Erdboden. Neben der Außenanlage gibt es zusätzlich noch das 300 Quadratmeter große Innengehege, in denen die Bären (aus Sicherheitsgründen) ihre Winterruhe halten.

Die Zahl der Besucher stärkt auch den Ferienort. Durch Übernachtungen und Restaurantbesuche. Den Tourismus in Verbindung mit Tierschutz und einer Partnerschaft mit Vier Pfoten zu kombinieren, ist eine nachhaltige Lösung für die Region und den Schutz der Braunbären. Die Touristen bekommen vor Ort nicht nur die Tiere zu sehen, sondern werden auch sensibilisiert.

Und vielleicht gibt es in Zukunft mehr positive Beispiele durch Touristen, wie in dem Fall von Amelia und Meimo, die quasi erst durch die Kritiken der Touristen gerettet werden konnten.

Alle Infos zum Arosa Bärenland:

  • Die Öffnungszeiten stehen hier, die Eintrittspreise
  • Die Betriebszeiten der Bergbahnen sind hier aufgelistet.
  • Du kannst die Arosa Bären auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad über den Erlebnisweg Bärenland erreichen.
  • Die Bären selbst kennen ihre Namen nicht. Es ist daher nutzlos sie von der Plattform anzusprechen oder ihren Namen zu rufen.
  • Die Bären können sich frei im Gehege bewegen. Es kann also auch sein, dass du sie nicht zu Gesicht bekommst. Daher besuche die Arosa Bären am besten am Morgen. Da ist die Wahrscheinlichkeit sie aktiv bei der Futtersuche zu sehen am größten.

 

Spannende Fakten über Braunbären:

  • Wo leben Braunbären? Ursprünglich waren Braunbären in ganz Europa, Nordafrika, Nordasien und im Westen der USA und Kanada beheimatet. Durch Bejagung und Zerstörung des Lebensraums wurden in Mitteleuropa sie ausgerottet.
  • In Italien wurden Braunbären wieder ausgewildert. Einer dieser Braunbären streift wohl gerade durch die Schweizer Wälder.
  • Was fressen Braunbären? Sie sind Allesfresser, ernähren sich aber überwiegend vegetarisch und essen zu 80 Prozent Nüsse, Gemüse und Obst.
  • Was machen Braunbären im Winter? Sie halten eine Winterruhe, aber keinen Winterschlaf. Aus der Winterruhe können sie kurzzeitig aufwachen. Während sie Winterruhe halten, verbrennen sie nur Fett, fast keine Muskeln und müssen auch nichts ausscheiden. Forscher stehen vor einem Rätsel.
  • Als Verwandter des Braunbären gilt der Eisbär. Während Eisbären tauchen können, bleiben beim Braunbären die Ohren immer über Wasser.

 

Offenlegung: Den Besuch im Arosa Bärenland habe ich zusammen mit Schweiz Tourismus und Graubünden Tourismus organisiert. Schweiz Tourismus übernahm in meinem Fall die An- und Abreise mit dem Nachtzug. Graubünden und Arosa Tourismus haben die Kosten für die Übernachtung im (sehr schönen) Hotel Seehof übernommen. Ich danke für diese Recherchemöglichkeit. Meine Meinung wurde durch die Einladung nicht beeinflusst.

Autor

Ich bin Steven, 30 Jahre alt und der Autor dieses Blogs über Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Im März 2019 habe ich die NGO WeWater mit Freunden gegründet. Hast du ein paar Euro übrig, freue ich mich für meine gemeinnützige Organisation über eine Spende. Vielen Dank. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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