von Marco Buch

Eindrücke während meiner Tage als freiwilliger Helfer nach dem Tsunami 2004 in Südostasien.

Am Dienstag Abend beschließen der Schwede Max und ich, dass wir nicht weiter auf Ko Pha Ngan so tun wollen, als sei nichts geschehen, und buchen ein Ticket nach Phuket für den nächsten frühen Morgen.

Gegen fünf Uhr am Nachmittag des nächsten Tages kommen wir auf der Insel an. Phuket City wirkt zunächst völlig normal, geradezu idyllisch. Sobald wir unseren Fuß jedoch in das zum Hilfszentrum umfunktionierte Rathaus setzen, wird schnell klar, dass die Ereignisse noch immer in vollem Gange sind.

Auf einer Wiese hat man Zelte aufgebaut, in denen Helfer den Menschen verschiedener Nationalitäten dabei behilflich sind, neue Papiere oder einen kostenlosen Flug nach Hause zu arrangieren. Daneben betreiben verschiedene Fernsehsender Übergangslager unter Zeltplanen. In einem großen Saal haben alle Länder, die Opfer zu beklagen haben, jeweils einen Tisch mit Botschaftsmitarbeitern. Papierschilder und hingekritzelte Aufkleber weisen den Weg.

Vor diesem Gebäude stehen mehrere Plastiktafeln, auf die verzweifelte Angehörige die Fotos vermisster Personen geklebt haben. Viele davon sind aus fernen Ländern gefaxt worden. Ich starre auf die Fotos und empfinde pure Trauer, da die Zahlen der Vermissten nun ein Gesicht bekommen. Viel schlimmer jedoch trifft mich der Schock bei den Tafeln direkt daneben. Hier haben die Thais die Bilder aller bisher gefundenen Toten aufgehängt. Auf die Körper hat man Nummern gelegt, um eine spätere Zuordnung zu erleichtern. Es ist nur schwer vorstellbar, wie sehr die Menschen durch die Wucht der Welle, die Hitze und das Meerwasser entstellt sind. Eine Identifikation scheint völlig unmöglich. Mehrere der Fotos zeigen kleine Kinder und Säuglinge.

Ständig kommen neue Menschen an, viele davon direkte Augenzeugen der Katastrophe. Paralysierte Personen sitzen auf provisorischen Sitzgelegenheiten und kauen teilnahmslos auf dem kostenlos zur Verfügung gestellten Essen, ihren Blick ins Leere gerichtet.

Nachdem wir ein Zimmer in einem geräumten Internat am Stadtrand zugewiesen bekommen und uns kurz geduscht haben, geht es wieder zurück ins Hilfszentrum. Gerade ist der Premierminister Thailands angekommen, und bereitet sich auf eine Ansprache vor. Vom Moment meiner zweiten Ankunft an bin ich komplett involviert. Im Telefonzentrum rufen auf sechs Leitungen Menschen aus aller Welt an, um nach vermissten Freunden oder Familienmitgliedern zu fragen. Nur wenige der Thais sprechen Englisch, niemand deutsch oder spanisch. Ich haste von einem Telefon zum anderen, rufe Leute über grosse Megaphone aus, biete völlig abwesend dreinblickenden Menschen Tee an. Viele der Ankommenden lassen sich direkt für einen der kostenlosen Heimflüge registrieren. Man muss dafür nicht mal Papiere vorzeigen, die meisten haben ohnehin keine mehr. Ausnahmezustand.

Zwischen den umherirrenden Menschen und den Kamerateams mit den grellen Lampen kommen nonstop Hilfsgüter in Säcken, Kisten, Kanistern an. Sobald etwas gebraucht wird, gibt es hier eine Durchsage auf allen Radiosendern. Ein paar Minuten später fahren die ersten Privatleute aufs Gelände und bringen die benötigten Dinge, die dann auf grossen Bergen im Innenhof gesammelt werden.

Die Thais sind sehr freundlich und hilfsbereit. Sie strahlen eine Unbeschwertheit aus, die angesichts der katastrophalen Lage auf viele Menschen sehr beruhigend wirkt. Überall gibt es Essen und Getränke umsonst, die thailändischen Telefongesellschaften haben an vielen Orten Telefone aufgestellt, an denen man kostenlos in jedem gewünschten Land anrufen kann.

Auf Din-A4-Blättern trage ich den Namen und den letzten bekannten Aufenthaltsort der vermissten Personen, sowie die Telefonnummern und Namen der Anrufer ein. Das Wort Khao Lak wiederholt sich wie ein grauenvolles Mantra. Zunächst bemühe ich mich noch, auch besondere Kennzeichen der Personen aufzunehmen, merke jedoch bald, dass alle Anderen hier das bereits aufgegeben haben. Ein Ire, der bereits seit drei Tagen an den Leitungen sitzt, öffnet mir resigniert die Augen: Wer sich jetzt noch nicht zu Hause gemeldet hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem Unglück umgekommen.

Ich verdränge diesen Gedanken und konzentriere mich auf die kleine Chance, dass die gesuchte Person in einem der Krankenhäuser ist, vielleicht bewusstlos und daher nicht in der Lage, zu Hause anzurufen. Nur so kann ich allen Anrufern zumindest mit einem positiven Ton in der Stimme gegenübertreten. Denn keiner dieser Anrufer ist bereit, diese schonungslose Tatsache zu akzeptieren. Niemand erwähnt auch nur die Möglichkeit.

Auch zwischen den Telefonaten: persönliche Tragödien überall. Ein Schwede sagt, er habe seine Frau verloren, und blickt zu Boden, sein Gesicht von Schürfwunden übersät. Ein englisches Mädchen sucht ihren Bruder und ist fest davon überzeugt, dass er noch lebt. Sie ignoriert vollkommen, dass er sich seit drei Tagen nicht gemeldet hat. Eine Familie aus Südafrika hat alle ihre vier Kinder verloren. Eine Gruppe blasser Deutscher mit bewegungslosen Minen diskutiert mit einem Thai über die Beschaffung eines Sarges. Ich könnte auf der Stelle heulen, entschliesse mich aber, den Leuten stattdessen meine Kraft zukommen zu lassen.

Am Telefon: Verzweifelte, Gefasste, Ungläubige, Menschen auf Beruhigungsmitteln. Zwischendurch immer wieder Menschen, die helfen wollen, und mich – ihre Koffer gepackt – fragen, wo sie hinfliegen sollen. Urlauber, die mich fragen, ob sie in dieser Nacht ungefährlich am Strand sitzen können. Woher soll ich all diese Dinge wissen? Niemand hat mir hier auch nur irgendetwas erklärt. Das Telefon läutet ohne Unterlass, die Listen, die von 1 bis 30 nummeriert sind, füllen sich unaufhaltsam an allen Tischen. Ich frage mich, wie viele im Endeffekt gestorben sein müssen. Nach jedem Anruf muss ich schlucken. So viel Kummer.

Soldaten gehen ein und aus, um sich heisses Wasser für Tee zu holen. Auf dem Fernseher läuft der Lokalsender. Minutenlang wird gezeigt, wie der Körper eines jungen Mannes an einem Seil an einer Baggerschaufel pendelt. Er trägt Schwimmshorts, was mir augenblicklich so schmerzhaft klar macht, dass er nicht im Traum daran gedacht hat, an diesem Morgen zu sterben. Helfer tragen Gesichtsmasken gegen den Gestank und laden halb zerfledderte Körper in grosse Plastiksäcke.

Früher am Abend hat man auch mich gefragt, ob ich heute mit zum Helfen nach Khao Lak komme, aber das bringe ich nicht übers Herz. Zudem scheinen mich die Anrufer hier mehr zu brauchen. Es scheint, als sei ich dafür bestimmt, in dieser Nacht im Telefonzentrum von Phuket zu sein. Haben in den Nächten zuvor kaum Deutsche angerufen, stehen die Telefone diesmal kaum still. Fast ausschliesslich Deutschsprachige. Und alle sind sichtlich erleichtert, ihre eigene Sprache benutzen zu können. Ich verbringe die ganze Nacht dort, erst um 9 Uhr morgens kommt Ablösung.

Draussen werden jetzt die Säcke und Kisten auf die Hilfs-LKW verladen, während die Fernsehteams im Freien an ihren Berichten schneiden. Im Fernsehgerät des Büros läuft die nonstop-live-Berichterstattung über deutsche Rotkreuz-Spezialisten, die versuchen, Überlebende unter den Trümmern der Ferienanlagen in Khao Lak herauszuschneiden. Ich nage abwesend an undefinierbaren Snacks, die die Thais hinterlassen haben, bevor sich alle schlafen gelegt haben. Ich halte alleine die Stellung, und frage mich, wer wohl hier sitzen würde, wäre ich nicht gekommen. Gegen Morgen werden die Anrufe etwas seltener, und ich nicke zwischendurch ein. Trotz des starken Thai-Red Bulls, der nun endlich mal einem guten Zweck dient.

Bevor ich gehe, begrüße ich Max, der die Tagschicht im schwedischen Zelt übernimmt. Vierzig Helfer werden gebraucht, er scheint der einzige. Wir sind beide froh, hergekommen zu sein. Ich schleppe mich zum Ausgang, auf dem Sozius eines Mopedtaxis fahre ich zurück ins Internat. In wenigen Minuten beginnt alles von vorne.

Wenn ich mich wieder so nützlich fühle, halte ich auf jeden Fall noch mehrere Nächte durch.

 

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Dieser Gastbeitrag von Marco wurde direkt nach den Erlebnissen 2004 in Thailand von ihm verfasst und ist ungeändert ein Teil des Funkloch Adventskalenders 2015, bei dem Reisende über “Gute Taten” berichten, geworden.
Eine Übersicht aller Adventskalender-Beiträge findet ihr hier.
marco_buchMarco hat neben diesem Erfahrungsbericht auch noch zwei weitere Artikel über seine Erlebnisse in Thailand geschrieben. Ihr findet sie auf seinem Blog Life is a trip. Noch immer, zehn Jahre nach der unfassbaren Katastrophe, spricht man in Thailand über die Erlebnisse und die Naturgewalt. Ich habe es im letzten Jahr selbst miterlebt. Und während ich diesen Beitrag von Marco las und letztes Jahr selbst vor Ort war, ja, da erinnerte ich mich an Weihnachten 2004, als wir mit der ganzen Familie, vor dem reichlich gedeckten Tisch zum Abendessen saßen. Mein Opi war damals bereits drei Jahre tot, meine Cousine noch nicht geboren. Uns ging es gut und wir genossen das Fest der Familie, bis wir den Fernseher einschalteten. Stille. Keiner sagte mehr etwas. Wir blicken uns an und alle dachten wir das gleiche: Mitgefühl mit den Hinterbliebenen, Dankbarkeit für unseren Wohlstand und Respekt und Anerkennung für die viele Helfer.

Autor

Ich bin Steven, 29 Jahre alt und der Autor dieses Blogs Reisen, Nachhaltigkeit und spannende Erlebnisse in der Natur. Schön, dass du hier bist. Für Lob oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

4 Comments

  1. Puh, da muss ich schlucken. Sehr eindrucksvoll geschrieben. Schön zu sehen, wie jemand so helfen kann und schrecklich zu sehen, dass dies nötig ist..

  2. Ein sehr eindringlicher Text. Vielen Dank für diese sehr persönlichen, sehr bewegenden Eindrücke. Das unterstreicht einmal mehr wie wichtig es ist, einfach zu handeln wenn man sieht, dass Hilfe nötig ist und dass tatsächlich jede Hand zählt. Ein wirklich nachdenklich stimmender Beitrag in dieser insgesamt sehr gelungenen Vorweihnachtsreihe (auch an Steven an dieser Stelle einmal Dank dafür).

  3. Danke, Sarah und Jens, für Eure netten Worte!
    Damals zum Helfen dort rüber zu fahren, war eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe. Ich bin der festen Überzeugung, dass so etwas immer zu einem zurück kommt. Und das hat es in vielerlei Hinsicht bereits getan.
    Auch von meiner Seite herzlichen dank an Steven für das Aufnehmen meines Textes in diese wirklich gelungene Reihe!

    • Ich danke euch, denn ohne euch wäre diese Serie nie zustande gekommen. Und ich muss selbst sagen, dass mir die Anekdoten gut gefallen, die ihr von euch geschrieben werden. Danke! =)

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