Ich bin neu in der Welt des Reisens. So fühle ich mich zumindest. Trotz meines Alters (25) beschränken sich meine Erfahrungen nur auf einige wenige Urlaube in Europa.

Noch nie zuvor habe ich es gewagt, mich allein auf Reisen zu begeben und obwohl ich schon lange den Wunsch in mir verspürte, andere Kontinente zu bereisen, habe ich es nie wahr werden lassen. Meine Semesterferien rücken näher und ich denke, es wird Zeit etwas daran zu ändern.

Über einen Freund entdecke ich workaway.info, was es mir ermöglicht über längere Zeit fortzugehen, ohne mein Geld für Unterkunft und Essen ausgeben zu müssen.
Was mein Ziel angeht, bin ich nach wie vor frei von Ideen. Schließlich ist alles neu für mich, genauso wie ich alles einmal gesehen haben möchte. „Asien wäre schon cool”, denke ich. Vietnam ist der Vorschlag einer Freundin. Warum nicht? Ohne mich weiter damit zu befassen buche ich meine Flugtickets und organisiere mir eine Volunteer-Stelle als Englischlehrer.

 

Mein erster Eindruck: Enttäuschung

Mit gemischten Gefühlen steige ich, nach 18 Stunden Flugzeit, am Flughafen von Hanoi in den Bus. Vielleicht mag das auch nur am Schlafmangel liegen oder daran, dass ich mich bereits auf der Suche nach dem richtigen Bus überfordert und den 20 verschiedenen Fahrern, die einen mit überhöhten Preisen zu sich winken, hilflos ausgeliefert fühle.

Von Hanoi aus trennen mich noch 100 km von meinem eigentlichen Ziel: Hai Phong.
Der Bus ist alt, so wie die meisten Fahrgäste, die auf den Plätzen verteilt sind. Kein Grund jedoch für den Fahrer die vietnamesische Pop-Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, nicht bis zum Anschlag aufzudrehen. Während mein Sitz also vom Bass vibriert und sich Tinitus zu meinem Jetlag gesellt, schaue ich zugleich begeistert als auch enttäuscht aus dem Fenster.

Erstaunlich wie anders die Welt sein kann, wenn man sich nur ein paar tausend Kilometer bewegt. Tausende Vietnamesen drängen sich auf Scootern durch die Straßen. Oft zu zweit, manchmal sogar zu dritt oder viert auf einem Scooter, oder so voll beladen, dass man den Fahrer kaum noch erkennt.

Andererseits gleicht Vietnam, auf den ersten Blick, nicht im geringsten meiner Vorstellung von Asien. Die Schrift ist Latein mit Akzenten. Das heißt keine exotischen, asiatischen Schriftzeichen an Häuserwänden. Keine geschwungenen Dächer, wie man sie aus China zu kennen glaubt. Keine strahlenden Reklametafeln und Lichter wie in all den Filmen, die in Japan und Korea spielen.

Die Häuser sind schmal und schlicht, die Straßen dreckig und die Luft versmokt. Erst außerhalb der Stadt wird es deutlich ruhiger. Die weiten Reisplantagen und Bananenfarmen sind es, die nach dem hektischen Stadtleben Hanois einen tatsächlich beruhigenden Einfluss auf mich haben. Ein wahrlich schöner Anblick.

 

Hai Phong: White Supremacy

Eine Sache fällt sofort auf: Hai Phong ist keine Touristenstadt. Auch wenn die Stadt sehr offen Touristen gegenüber ist, bleiben die wenigen Reisenden, die sich hierher verirren, in der Regel nur ein bis zwei Tage, bevor sie sich weiter Richtung Cat Ba Island bewegen.

Das hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Ich schätze eines der größten Probleme, auf die man hier treffen wird, ist, dass man allein ziemlich aufgeschmissen wäre. Wo es keine Touristen gibt, besteht auch keine Notwendigkeit zu übersetzen. Das macht schon die einfachsten Dinge zur schier unüberwindbaren Herausforderung.
Ist es ein Markt oder ein Lagerhaus?
Eine Strasse oder Einfahrt?
Haustier oder Essen?

 

 

Hinzu kommt, dass nur die Wenigsten Englisch sprechen. Im Zweifel hat man also nicht einmal die Möglichkeit um Hilfe zu bitten. Wie oft bin ich anfangs durch die Stadt gelaufen und habe Menschen auf der Straße nach dem Weg gefragt, nur um in fragende Gesichter zu blicken? Zu meinem Glück habe ich bereits am ersten Tag Freundschaften mit wundervollen Locals über Couchsurfing knüpfen können, die mich bis zum Ende meiner Reise begleiteten.

Der größte Vorteil hingegen ist wohl der, dass man als weißer „Westener” den Status eines Stars hat. Leute schauen einem hinterher und winken. Kinder kommen einem lächelnd entgegen und grüßen. Nicht selten kommt es sogar vor, dass man nach Fotos gefragt wird. Während die Polizei sonst gerne mal Leute aus dem Verkehr zieht, um sich das Gehalt aufzubessern, genießt man als Weißer absolute Narrenfreiheit.

Wie ich mir habe sagen lassen, gibt es sogar zwei gute Gründe dafür:
Käme die Polizei tatsächlich auf die Idee Westener anzuhalten, wäre sie gezwungen mit ihnen Englisch zu sprechen. Etwas, dass sich natürlich kein Polizist freiwillig antun möchte. Was mich direkt zum zweiten Grund führt. Hai Phong mangelt es an qualifizierten Englischlehrern. Darüber hinaus wünscht sich die Stadt sehnlichst, attraktiver für den Tourismus zu werden, was zur Folge hat, dass sie alles erdenkliche vermeiden, was Reisende und Volunteers verschrecken könnte.

Viet cuisine: Vegetarier haben’s nicht leicht

Ja, es gibt Hund. Nein, ich hab’s nicht probiert. Was hauptsächlich daran liegen mag, dass ich kein Fleisch esse. Auf Fleisch zu verzichten fällt hier sogar nicht sonderlich schwer, wenn man ansieht mit welcher verachtenden Haltung Tiere behandelt werden. Ein Tier in Vietnam ist ein Produkt und nichts anderes. Es dient einem Zweck und so wird es auch behandelt.

Generell haben es Vegetarier in Vietnam jedoch nicht gerade leicht. Ich hatte zumindest den Vorteil, dass ich offen gegenüber Meeresfrüchten und Fisch bin. In Sachen Streetfood kann ich, neben einigen Gerichten, auf jeden Fall eine Empfehlung geben: Das beste Essen findet man immer an den Orten, in denen die meisten Locals sitzen.

Bánh đa cua (Crab noodle soup)

Bánh đa cua ist eine Krabbensuppe und die Spezialität Hai Phongs. Zum Frühstück, mittags oder abends… völlig egal. Gegessen wird sie zu jederzeit und überall. Abwechslungsreich wird sie durch die Variation an Nudeln aus denen man wählen kann.

Cháo trai (Seafood porridge)

„Lieb, aber nein danke”, war mein erster Gedanke, als mir Haferbrei aus Reis mit Muscheln angeboten wurde. Erstaunlicherweise schmeckt es wirklich ausgezeichnet und ist unfassbar sättigend. Hinzu kommt, dass es weitaus appetitlicher angerichtet ist, als die Beschreibung es vermuten lässt.

 

 

Bánh mì (Vietnamese sandwich)

Bánh mìs sind nichts anderes, als die Döner Vietnams. Vietnamesische Sandwiches, die man an jeder Ecke bekommt und die billigste Option sind, wenn man mal eben schnell und günstig essen möchte.

Bun dau mam tom (Frittierter Tofu mit Shrimp-Paste)

Frittierter Tofu mit Shrimp-Paste – mag zwar angenehm klingen, ist jedoch alles andere als das. Mir wird gesagt, dass es gerade mal 1% der Reisenden schaffen dieses Gericht zu essen. Der Grund dafür ist der unfassbar abartige Gestank, der sonst harmlos wirkenden, violetten Shrimp-Paste. Bereits beim Betreten des Lokals wechseln meine Gedanken zwischen plötzlichem Übergeben und schlagartigem Davonlaufen. Während der Geruch mich an einen Müllsack mit Bioabfall erinnert, den ich über Wochen unter meiner warmen, feuchten Spüle vergessen habe, beschreibt ihn ein Freund als würde man zu viert bei 40°C und geschlossenen Fenstern in einem Auto sitzen und ununterbrochen furzen. Und obwohl ich es schaffe, das Gericht zu essen, ohne es wieder hochkommen zu lassen, werde ich das Gefühl nicht los, mir die nächsten 20 Minuten die Zähne putzen zu müssen.

Seht meine Beschreibung nicht als Herausforderung, sondern als Warnung.

 

 

Atemberaubende Natur, Umweltverschmutzung und Explosionen

Gemeinsam mit drei vietnamesischen Freunden, die ich in der Zwischenzeit gefunden habe, mache ich mich auf nach Tuyệt Tình Cốc, ca. 20 km außerhalb von Hai Phong. Und obwohl der Anblick der unendlich weiten Reisfelder und felsartigen Berge unbeschreiblich schön ist, bin ich gezwungen, meinen Atemschutz aufzusetzen. Der Weg – mehr Sand als Straße – wirft massig Staub auf. Hinzu kommen die Dämpfe der Müllhaufen, die gelegentlich am Strassenrand, Fluss oder auf offenen Wiesen verbrannt werden.
„Eine traditionelle Art, Plastik und Hausmüll zu entsorgen”, erklärt mir einer meiner vietnamesischen Freunde.

 

 

Meiner (naiven) Meinung nach zählt Vietnams Natur und Landschaft zu den beeindruckendsten und schönsten weltweit. Gerade wenn man sich Orte wie Ninh Binh, Sa Pa und Đà Nẵng anschaut, kann es einem schon mal die Sprache verschlagen. Umso erschreckender ist es, wenn man mit ansehen muss, wie rücksichtslos mit Müll um sich geworfen wird. Es ist erschütternd, was für ein Schaden der Umwelt damit angetan wird und gleichzeitig so dumm, wie Vietnamesen sich selbst bestrafen. Sie sind umgeben von Seen und Flüssen und haben nicht einmal die Möglichkeit, sich vor der sengenden Hitze ins Wasser zu flüchten. Es mag banal klingen, doch wer genießt es nicht einen heißen Sommertag am Wasser zu verbringen?
Einige wenige lassen sich davon nicht einmal abschrecken und tauchen dennoch ein, ins braungefärbte Wasser. Was mich angeht, wird mir schon von der Vorstellung schlecht, mir mit einem falschen Schritt den Fuß am Deckel einer rostigen Dose aufzuschneiden.

Nach ungefähr einer Stunde komme ich schließlich am strahlend blauen See von Tuyệt Tình Cốc an. Und mit „strahlend blau” meine ich tatsächlich ungesund, chemisch klares blau, das einen tief bis zum Grund hinabsehen lässt. Der künstliche geschaffene See mag zwar die perfekte Kulisse für beeindruckende Aufnahmen sein, sammelt jedoch sämtliche chemische Abfälle aus den Bergen um ihn herum. Wie ich so da stehe und fasziniert in das Blau des Wassers starre, in dem nichts auch nur den Hauch einer Chance hat zu überleben, irritieren mich die unzähligen Explosionen, die ich von allen Seiten wahrnehme. All die kleinen Berge um uns herum, die für einen einzigartigen Ausblick sorgen, werden nach und nach weggesprengt, um Platz für neue Häuser und Städte zu schaffen.

Nur einen Tag später wird der gesamte See abgesperrt. Der Grund sind zwei Mädchen, die den See als Kulisse für erotische Bilder genutzt haben, in denen sie sich unter anderem mit dem hochtoxischen Wasser bespritzt haben. Die Bilder sind viral gegangen. Um zu verhindern, dass andere auf ähnliche Ideen kommen, wird der See für unzugänglich erklärt.

Hanoi: Beerstreet und Lachgas

Die letzten Tage meiner Reise entschließe ich mich in Hanoi zu verbringen. Neben all den anderen Touristen falle ich glücklicherweise nicht allzusehr auf. Nachdem ich die typischen Touri-Hot Spots (Old Quater, Temple of Literature u.a.) abgearbeitet habe, setze ich mich zur Entspannung an einen kleinen See nahe des Zentrums. Ein Fehler, wie mir erst nach kurzer Zeit klar wird, denn Entspannung ist eines der Dinge, die man hier als Weißer definitiv vergessen kann. Der Platz rund um den kleinen See wird oft von heimischen Studenten genutzt, um Kontakt mit Reisenden aufzunehmen. So verbringe ich die nächsten 40 Minuten damit, mich mit einem Fremden nach dem anderen zu unterhalten, um ihnen beim Üben ihrer Englischkenntnisse zu helfen…

Bei Anbruch der Dunkelheit wandelt sich die Szene. Die Straße um den See herum wird zur Fußgängerzone und die Gassen des Old Quaters zum Marktplatz, in dem die Beerstreet zum Leben erwacht. Nur mit viel Mühe und Gedult kämpfe ich mich durch die Menschenmasse. Den Namen Beerstreet gewinnt die Straße aus den unzähligen Bars, die sich aneinanderreihen. Wer die Gelegenheit nutzen möchte, seine Bewusstseinsverändernden Erfahrungen zu erweitern, kann sich in nahezu jeder Bar, für umgerechnet 1 Euro, einen mit Lachgas gefüllten Ballon kaufen. Mit Livemusik, Streetfood und Bier gleicht die Altstadt bei Nacht einem riesigen Straßenfest. Und so plötzlich, wie es begann, so abrupt endet das Fest auch wieder. Um Mitternacht werden die Menschenmassen von der Polizei aufgelößt und es wird wieder still auf den Straßen Hanois. Zumindest bis zum Anbruch des nächsten Abends.

 

Fazit – War es die Reise nach Vietnam wert?

Trotz weniger sonniger Tage, die ich erwischt habe, schaue ich mit Freude auf meine Zeit in Vietnam zurück. Auch wenn jeder bei seinen Reisen (außer vielleicht in Frankreich) von der Gastfreundlichkeit der Einwohner zu schwärmen scheint, meine ich zu behaupten zu können, wirklich nirgends so freundliche Menschen getroffen zu haben, wie in Vietnam.

Ich erinnere mich an Momente, in denen ich jemanden, der auf seinem Roller aus einer Gasse kam, nach dem Weg fragte, indem ich ihm einen Zettel mit dem Straßennamen hinhielt. Nach kurzem Überlegen antwortete er mir, sogar auf Englisch, ich solle aufsteigen, denn er würde mich hinfahren.

Zu den negativen Punkten zählen ohne Frage der Umgang mit Müll sowie die grausamen Verhaltensweisen gegenüber Tieren. Ich befürchte an der Stelle gibt es noch reichlich Aufholbedarf.

Letztendlich denke ich, dass ich meine Reise problemlos um weitere ein bis zwei Monate hätte erweitern können, wenn ich nicht wieder zurück zur Uni müsste. Doch ich denke so schnell, wie sich Vietnam zu entwickeln scheint, lohnt es sich bereits in den nächsten Jahren zurückzukehren.

Autor

Philip ist 25 Jahre alt und reiste bisher überwiegend in Europa. Seine erste Fernreise bringt ihn in eine andere Welt – nach Vietnam.

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