Es kommt eigentlich so gut wie nie vor, dass ich auf etwas neidisch bin. In den meisten Fällen freue ich mich einfach mit. Doch als mir Bolle im E-Mail Chat verraten hatte, dass sie sich in ein paar Tagen mit ihrem Freund Marco nach Sumatra zu den Orang Utans aufmachen würde, da war ich doch etwas neidisch. Im letzten Jahr verbrachte ich drei Wochen auf Java, Bali und den Gili Inseln. Ein Abstecher nach Sumatra war damals zeitlich einfach nicht drin. Und je mehr ich mich mit den vom Aussterben bedrohten Orang Utans beschäftige, desto mehr tut es mir leid, dass ich damals diesen Trip nicht auf mich genommen habe. Aber zum Glück gibt es Bolle und Marco, die sich aufgemacht haben nach Sumatra und die uns jetzt einiges über ihr Abenteuer erzählen können.
Weitere Reiseerlebnisse der beiden Weltenbummler findet ihr übrigens auf kommwirmachendaseinfach.de. Doch nun viel Spaß!
 
Bolle und Marco in Sumatra
 
 

Bolle, letztes Jahr hatte ich einen großen Reisewunsch, der sich leider nicht in meine Reiseplanung einbauen ließ. Nun habt ihr genau diesen Reisewunsch umgesetzt und seid zu den Orang Utans Indonesiens gereist. Wer von euch beiden hatte die Idee? Und warum wolltet ihr die Orang Utans unbedingt besuchen?

 

Eigentlich wollten wir nach Borneo um dort einige Nationalparks zu besuchen und vor allem auch um Orang Utans zu sehen. Als wir dann unsere kleine Java-Rundreise planten, dachten wir uns: „Mhhh, wieso fliegen wir danach nicht rüber nach Sumatra zu den Orang Utans? Würde sich doch anbieten.“ Gesagt, getan! Wir buchten uns Flüge von Yogyakarte nach Medan und machten uns auf den Weg nach Bukit Lawang.

Wir wollten beide schon immer die letzten freilebenden Orang Utans sehen, egal ob auf Borneo oder Sumatra. Es ist eben was anderes, ob du als Kind ein paar Tiere im Zoo siehst oder ihren echten, wirklichen Lebensraum erkundest. Wenn man Dinge verstehen will, muss man sich abseits der abgetrampelten Pfade bewegen. Wir wollten mehr über den Regenwald, die dort lebenden Affen und über Palmöl erfahren. Von daher war diese Reise für uns extrem ausschlussreich.

Gerade beim Reisen ist es uns wichtig, dass wir nicht einfach nur eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abhaken. Wir reisen extrem langsam um einen besseren Einblick in das Leben anderer Kulturen zu bekommen.
 
 

Ihr seid in Bukit Lawang auf Sumatra gewesen. Wie seid ihr dort hingekommen, wo habt ihr übernachtet und wie ist es so im Regenwald Indonesiens?

 
Wir haben vorab im Internet recherchiert und sind auf das Thomas Retreat gestoßen. Hier gibt es noch viele andere Anbieter, Thomas wirkte aber von Beginn an super sympathisch. Ich speicherte mir die Nummer ab und kontaktierte ihn per Whatsapp. Innerhalb von 30 Minuten war alles geklärt und wir hatten ein Zimmer in seiner Unterkunft sicher. Er organisierte auch einen Pick-Up Service vom Flughafen in Medan.

Von dort sind wir knapp 5 Stunden bis nach Bukit Lawang gefahren. Die Straßen bestehen nur aus Sand und Schotter, ein Schlagloch folgt dem nächsten. Als wir aus Medan raus waren, sahen wir um uns herum nur noch Palmölplantagen. Alle Palmen standen fein säuberlich in Reih und Glied – kilometerweit. Es war traurig irgendwie, weil wir wussten, dass auch hier früher mal Regenwald war, jetzt aber riesige Plantagen angelegt werden, damit man der stetig wachsenden Nachfrage gerecht werden kann. Man sagt ja, dass heute weltweit 35 Fussballfelder Regenwald pro Minute zerstört werden – furchtbar oder?

Als wir in Bukit Lawang ankamen, waren wir einfach nur Baff. Es ist eine kleine Siedlung am Fluss – das Leben spielt sich draußen ab. Kinder baden im Fluss, Eltern waschen hier ihre Wäsche. Brücken, um auf die andere Flussseite zu kommen, werden selbst gebaut und wirken auch nicht gerade sicher. Wir waren fasziniert von der Einfachheit aber auch von der unglaublichen Schönheit dieses Ortes. Um uns herum nur der Regenwald und viele wilde Tiere.

Hier gibt es viele Unterkünfte und die sind auch wirklich richtig gut. Im Thomas Retreat hatten wir ein sehr modernes Zimmer mit Badezimmer und Terrasse. Das Essen in seinem Restaurant war vielfältig, günstig und absolut lecker. Sogar Wifi gab es dort. Es war Liebe auf den ersten Blick und wir wollten am liebsten 3 Wochen länger bleiben. Während der Übernachtung im Regenwald schliefen wir auf Matratzen unter einer Plane – sehr simpel aber absolut geil!

2003 kam es hier in Bukit Lawang zu einer riesigen Flutkatastrophe (20 Meter hoch), bei der  viele Locals ihre Familienmitglieder verloren. Der Tourismus war zerstört und mit ihm 400 Häuser, 3 Moscheen, 8 Brücken, 280 Minimärkte und 35 Gästehäuser. Mehr als 239 Menschen verloren ihr Leben in den Fluten und knapp 1400 Locals verloren ihr Zuhause. 8 Monate haben die Einheimischen geschuftet und Bukit Lawang wieder hergestellt. Der Schock sitzt immer noch tief, aber sie versuchen positiv in die Zukunft zu schauen. Gerade die junge Generation hofft darauf, dass sie ihr Dorf noch widerstandsfähiger machen können. Außerdem wissen sie über die Wichtigkeit ihres Ökosystems.
Das merkten wir auch bei Rudi. Rudi arbeitet im Thomas Retreat und ist gerade einmal 22 Jahre alt. Gemeinsam mit ihm gingen wir zu einer Bat-Cave und auf dem Weg dorthin erzählte er uns alles über die Pflanzen, die Tiere und auch über die Palmölplantagen. Er war richtig begeistert und man merkte, dass die Natur sein Zuhause ist.

Kuchen-in-Bukit_lawang

Fluss-baden-Dschungel

 

 

Was hast du gefühlt, als ihr die Orang Utans schließlich im Regenwald angetroffen habt?

 
Wir buchten einen 2-tägigen Jungle Trek mit Übernachtung im Regenwald und machten uns bereits am Morgen gegen 9 Uhr auf den Weg. Knapp 7 Stunden waren wir im Regenwald unterwegs, die Luftfeuchtigkeit betrug 100%. Es war einfach nur gigantisch aber auch richtig anstrengend, da es immer hoch und runter ging. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, als plötzlich eine Orang Utan Dame vor uns stand. Ich blieb weiter hinten stehen, da ich sehr viel Respekt vor den Tieren habe.

Es war einmalig, ich habe fast kein Wort mehr rausbekommen. Es war ganz still und wir alle beobachten dieses wundervolle Geschöpf, wie es sich von Baum zu Baum hangelte und uns neugierig begutachtete. Thomas erzählte uns viel über die Tiere und über den Regenwald – es war sehr interessant und aufschlussreich.

Auszug aus unserem Blogbeitrag:

„Und auf einmal stand er da! Direkt vor unseren Augen! Ein großer Orang Utan. Er baumelte zwischen den Ästen und Bäumen umher, starrte uns immer wieder an. Wir blieben lieber weiter im Hintergrund, zu viel Respekt hatten wir vor diesen Menschenaffen. Immerhin waren wir nur zu Gast und wollten deshalb auch keinesfalls auffallen. Im ersten Moment bewegte sich niemand, alle standen ruhig, man hörte fast gar nichts mehr außer das Rascheln in den Bäumen. Was für ein Moment! Die Ansage war klar: „If i say run you have to run as fast as you can okay?„. Na klasse, so eine Ansage hat uns gerade noch gefehlt …“

Orang-Utan-Jung

Orang-Utan-Sumatra-Baum

Orang-Utan-Baum

alter-Orang-Utan

Orang-Utans-mit-Kind-Sumatra

 
 

Sind die Orang Utans in Bukit Lawang wirklich freilebend?

 
Ja, dort im Gunug Leuser National Park leben die Oran Utans frei – sie können machen was sie wollen. Hier im Regenwald haben sie alles, was sie brauchen: 80 Meter hohe Bäume, das warme und feuchte Klima und genügend Nahrung. Im Rehabilitationscenter werden ehemals gefangene Affen wieder ausgewildert und zurück in den Regenwald gebracht.
 
 

Und warum sind sie nicht geflohen? Sind sie inzwischen so sehr an den Menschen gewöhnt? Oder sind Orang Utans generell sehr zutraulich?

 
Ich denke schon, dass einige der dort lebenden Orang Utans sich schon an den Menschen etwas gewöhnt haben. Affen sind verdammt schlau und so wissen sie vermutlich, dass jeden Tag ein paar Gruppen vorbeikommen, von denen sie einige Früchte ergattern können.

Generell leben in der Region Bukit Lawang aber nur knapp 5000 Orang Utans. Sie sind Einzelgänger und leben nicht in Gruppen. Wenn die Jungtiere circa 5 Jahre alt sind, verlassen sie die Mutter und ziehen auch alleine weiter. Sie haben hier in den Wäldern alles was sie brauchen – wieso sollten sie auch „fliehen“. Sie sind aber nicht eingesperrt, könnten natürlich auch fliehen, anscheinend möchten sie das aber nicht. Die Population kann sich nicht so schnell erholen, da ein Weibchen nur alle 4 – 8 Jahre ein Jungtier zur Welt bringt. Hier in Bukit Lawang gibt es auch das Bohorok Orang Utan Rehabilitation Center. Hier wildert man ehemals gefangene Orang Utans wieder aus und kümmert sich um sie (in Kooperation mit dem Zoo Frankfurt und WWF). Mehr als 250 Tiere wurden so schon aufgenommen und mehr als 180 Tiere wieder in ihren normalen Lebensraum entlassen – den Regenwald des Gunung Leuser
Nationalparks in Bukit Lawang.

Wie schätzt du die Lage vor Ort ein? Gibt es viel Orang Utan-Tourismus in dieser Region? Wird der Tourismus in irgendeiner Art und Weise beschränkt?

Ich war ehrlich gesagt etwas erstaunt darüber wie viele Unterkünfte es dort in der Siedlung gibt. Auch als wir nach unserem Jungle Trek per River Rafting wieder ins Dorf geschippert sind, haben wir viele Retreats am Flussufer sehen können. Der Tourismus hat dort in den letzten Jahren sehr zugenommen, dennoch findet man zum Glück noch keinen Massentourismus dort. Hoffen wir, dass es so bleibt. Thomas arbeitet seit mehr als 15 oder 20 Jahren da im Dschungel und durch das Internet bekommt er heutzutage immerhin ein paar mehr Gäste zu sich.

Die Menschen dort verdienen sich so ein wenig Geld dazu, indem sie Führungen anbieten, Unterkünfte oder etwas zum Essen. Eine andere Einnahmequelle gibt es da unten neben den Palmöl-Bauern nicht. An Wochenende kommen wohl immer viele Locals aus Medan und Umgebung nach Bukit Lawang um dort ein Wochenende lang den Alltag zu vergessen. Ich glaube nicht, dass der Tourismus dort auf irgendeiner Weise beschränkt wird. Aber noch hält sich dieser auch wirklich gut in Grenzen – jedenfalls war das unser Eindruck vor Ort.

 
 

Habt ihr Tipps erhalten, wie wir aus der Ferne oder der Nähe die Orang Utans schützen können?

 
Man kann vor allem dem Rehabilitationscenter helfen, indem man spendet. Sie können das Geld sehr gut gebrauchen um weiterhin diese tolle Arbeit zu leisten. Außerdem kann man Merchandise-Artikel erwerben, einen Baum pflanzen oder die vielen Kampagnen unterstützen. Und damit weniger Regenwald abgeholzt wird, ist es natürlich sinnvoll, in Zukunft auf Produkte mit Palmöl zu verzichten. Eine Liste mit von Produkten ohne Palmöl findet man hier.

Wenn man selbst erkannt hat, wie viele Probleme der massenhafte Konsum von Palmöl mit sich bringt, dann sollte man auch anderen davon erzählen. Viele Kleinbauern und Ureinwohner werden ebenfalls aus den Wäldern vertrieben. Wenn sie sich dann dagegen wehren, werden sie verhaftet, bedroht oder geschlagen. Ihnen bleibt also gar nichts anderes übrig, als Platz für die Produktion von Palmöl zu machen.

Orang Utans brauchen große zusammenhängende Waldflächen zum Leben, wovon aber immer mehr zerstört werden. Jedes Jahr, so schätzt man, sterben bis zu 2.000 dieser Menschenaffen durch den Menschen. Nur noch auf Borneo und Sumatra findet man freilebende Orang Utans, den Sumatra-Tiger und Borneo-Nashörner. Was für eine Katastrophe es wäre, wenn auch diese letzten hilflosen Tiere irgendwann aussterben,  weil die Menschheit ihnen alles genommen hat.

„Ich möchte, dass alle Menschen in Europa verstehen: Für euer Palmöl zerstören internationale Konzerne unseren Wald, unsere Lebensquelle und unsere Zukunft“, sagte einst Nordin, der Gründer unserer indonesischen Partnerorganisation Save our Borneo.

 
 

Neben den Orang Utans habt ihr noch eine andere sehr schöne Affenarten gesehen. Erzähl doch mal von deiner Begegnung mit einem Thomas Leaf Monkey und den Gibbons.

 
Thomas meinte, dass man nicht so häufig Gibbons zu Gesicht bekommt. Umso überraschter und erstaunter waren wir alle, als auf einmal eine Mutter mit ihrem Kind vor uns stand. Außerdem sahen wir einige in weiter Ferne in den Bäumen des Regenwaldes. Die springen da knapp 15 Meter von Baum zu Baum – einfach Wahnsinn! Immer wieder hörte man irgendwo etwas rascheln – es war wirklich abenteuerlich. Die kleinen Thomas Leaf Monkeys sahen auch richtig cool aus. Vor allem der Kopf ist besonders auffällig. Vom Haarschopf bis zu den Augen erstrecken sich zwei weiße Streifen. Die orangebraunen Augen sind von silberfarbenen, weißgeränderten Kreisen umgeben – wirklich cool. Irgendwie erinnerten diese Affen uns an den Film „Madagaskar“.

 

Gibbon

 

Thomas-Leaf-Monkey

Autor

Ich bin Steven, 27 Jahre alt und der Autor dieses Blogs über Reisen, Natur und Nachhaltigkeit. Schön, dass du hier bist. Projektvorschläge, interessante Themen oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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