Vom Gut Boltenhof mache ich mich am Morgen auf zur Mühle Tornow. Dort werde ich mein Gepäck ablegen und in den Naturpark Stechlin-Ruppiner Land radeln. Mein Weg führt mich nach der Gepäckabgabe auf perfekten Radwegen vorbei am großen und kleinen Wentowsee. Ich passiere in der Uckermark moosbewachsene Wälder in denen sich vermehrt Kiefern und Buchen befinden.

Eine Blaumeise fliegt auf einer Strecke von 100 Metern neben mir. Ich komme mir vor wie ein schwerer Tanker, der in See sticht und von Delfinen begleitet wird. Ein Buntspecht hopst von einem morschen Baumstamm auf und fliegt davon, als ich mich nähere. Und irgendwo in der Nähe höre ich eine Nachtigall.

Kann das sein? Oder irre ich mich. Ich schalte auf meinem Handy ein Video ein, das ich schon in den letzten Tagen zum Einschlafen gehört habe. In dem Video werden die Gesänge von 30 Singvogelarten erklärt. Leider ist mein phonetisches Gedächtnis total unbrauchbar. Und so brauche ich immer den Direktvergleich. Doch ehe ich die richtige Stelle des Videos gefunden habe, ich zwei mal vom Radweg abgekommen bin und beinahe zwei mal gestürzt bin, habe ich den Gesang der potentiellen Nachtigall aus dem Wald vergessen.

Keine Lust zu lesen? Schau dir das wichtigste im Video an.

Der Naturpark Stechlin-Ruppiner Land

Ich bin auf dem Weg nach Stechlin. Dort bin ich mit dem Leiter des Naturparks Stechlin-Ruppiner Landverabredet. Er will mir Informationen geben über ein Projekt, das vom ELER im Naturpark gefördert wurde.

Dr. Schrumpf treffe ich am Friedensplatz 9 in seinem Büro. Ich kenne von ihm nur seinen Namen und seine Position. Immer wieder finde ich es interessant was mein Gehirn aus diesen Informationen macht. Ich stelle mir einen seniorigen Herrn im grünen Anzug vor. Ohne, dass ich wirklich intensiv darüber nachgedacht habe, hat sich dieses Bild in mir geprägt. Dann öffnet sich die Bürotür und der wahre Dr. Mario Schrumpf steht vor mir. Ich liege mit allen Vorstellungen falsch.

Er hat festes, lockiges Haar, einen dezenten Bart über und unter den Lippen und trägt ein schwarzes T-Shirt. Darüber hat er ein dunkelblaues Freizeithemd. Er ist der Typ Mensch, mit dem ich sofort zu einer zweiwöchigen Radtour starten würde, bei der ich mir sicher bin, dass ich in dieser Zeit mehr von ihm lernen könnte als im Biounterricht meiner gesamten Schulzeit.

Dr. Mario Schrumpf – Leiter des Naturparks

Der Naturpark Stechlin-Ruppiner Land besitzt etwa 180 Seen und ganze 2000 Kilometer Wasserwegen. Das macht den Naturpark zur wasserreichsten Region in ganz Brandenburg. Das ist bemerkenswert, denn Brandenburg selbst steht mit seinen über 3000 Seen schon für ein sehr wasserreiches Bundesland.

Im Naturpark befinden sich die Drei-Seen-Stadt Lindow (Mark), die Städte Rheinsberg, Fürstenberg/Havel, Gransee und Neuruppin. Direkte Nachbarn hat der Naturpark mit dem Naturpark Uckermärkische Seen und dem Müritz-Nationalpark. An Schönheit und Naturerleben ist dieses Fleckchen Erde kaum zu übertreffen. In den letzten Tagen bin ich (mit Ausnahme von Rheinsberg) durch alle der oben genannten Städte geradelt und habe die vielfältige Natur erkundet. Die Gemeinden im Naturpark lebten bislang größtenteils von der Land- und Forstwirtschaft. Doch der Tourismus gewinnt immer mehr an Bedeutung. Aufgrund der Nähe zu Berlin ist der 680 Quadratkilometer große Naturpark Stechlin-Ruppiner Land schon seit Jahrzehnten bei Menschen aus der Region beliebt.
 

Leitsystem für Wassersportler

Mit zunehmendem Tourismus gerät auch die Umwelt in Gefahr. Um Touristen zu leiten und zu informieren, wurde von 2008 bis 2015 ein Leitsystem für Wasserwanderer etabliert. Es richtet sich überwiegend an mit Muskelkraft betriebene Boote.

Damit kennt sich Dr. Schrumpf bestens aus. Seine Kindheit verbrachte der ehemalige Thüringer teilweise am und auf dem Wurlsee. Seine Eltern verbrachten dort gerne Zeit auf dem Zeltplatz. Im Alter von nur 12 Jahren erhielt er sein erstes Faltboot, mit 14 Jahren startete er seine erste eigene Tour. Sie führte von Feldberg im Naturpark Feldberger Seenlandschaft nach Fürstenberg in den Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, also eben jenes Gebiet, das er heute als Naturparkleiter betreuen darf.

In der Planungsphase für das Leitsystem war Dr. Schrumpf damals eng mit dem Naturpark Uckermärkische Seen in Kontakt, der ein ähnliches Leitsystem schon etabliert hatte. Aus Mitteln des Naturparks etablierte er ein Pilotprojekt am Rheinsberger Rhin. Der Bach besitzt ein besonders wertvolles und sensibles Ökosystem. Daher wurden Befahrungsregeln aufgestellt, die die Tier- und Pflanzenwelt schützen sollen. Beispielsweise darf der Rheinsberger Rhin erst ab einem Pegel von 65 cm (gemessen am Wehr Obermühle/Rheinsberg), ausschließlich mit 1er oder 2er Kayaks, zwischen 15. Juni und 31. Oktober und nur am Tag befahren werden. So soll verhindert werden, dass der Grund des Baches zerstört wird oder nistende Vögel bzw. nachtaktive Tiere gestört werden.

Das Leit- und Informationssystem erhielt außerdem eine automatische Zählanlage. Die Ergebnisse sprechen noch heute für das Projekt. Fast alle Wassersportler halten sich an die Regeln. Mit diesen Erkenntnissen ging Dr. Schrumpf auf die Suche nach finanziellen Mitteln. Schlussendlich wurden die Kosten auf mehrere Schultern verteilt. Das Land Brandenburg, die Kommunen sowie die Lokalen Aktionsgruppen Obere Havel e.V. und Ostprignitz-Ruppin e.V. und der Naturpark selbst beteiligten sich an dem Projekt. Etwa ein Drittel der Kosten übernahm der ELER.

Heute geben die Tafeln Auskunft über Schleusen, Umtragemöglichkeiten, Ein- und Ausstiegsstellen, Biwak- und Campingplätze, andere Unterkünfte, Sehenswürdigkeiten, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten. Von Berlin bis an die Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern sind die Informationstafeln inzwischen im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land zu finden.

 

Fischerei Stechlinsee

Nach meinem Termin mit Dr. Schrumpf mache ich mich auf den Weg zum Stechlinsee. Ich will den größten Klarwassersee Norddeutschlands besuchen. Mit einer Tiefe von 70 Metern gilt er als tiefster See Brandenburgs und gilt als einer der am besten erforschten Seen Deutschlands. Der Grund dafür ist das Kernkraftwerk Rheinsberg, das 1966 in Betrieb ging und Kühlwasser aus dem Stechlin- und Nehmitzsee bezog. Seit 1990 ist das Kernkraftwerk Rheinsberg stillgelegt.

Ich fahre ein kleines Stück um den See und halte bei der Fischerei Stechlinsee. Herrliche Holzbänke stehen vor dem See und einem eingezäunten Bereich, in dem Karpfen schwimmen. Hier esse ich ein Welsfilet mit Pommes zum Mittag und genieße die Sonne. Ein schöner Ort.

An einer der Informationstafeln lerne ich, dass es hier im See eine Unterart der Kleinen Maräne gibt, die sogenannte Fontanemaräne. Sie wurde erst im Jahr 2003 entdeckt und hat sich (Nein, nicht durch das Kernkraftwerk!) während der letzten 12.000 Jahre aus der Kleinen Maräne entwickelt. Die Fontanemaräne kommt ausschließlich im Stechlinsee vor.

 

Kanufahren in Fürstenberg

Etwa 11 Kilometer sind es von der Fischerei am Stechlinsee bis nach Fürstenberg/Havel. Ich schwinge mich wieder aufs Rad und radle in Richtung Norden. Bei der Nordlicht Kanuvermietung miete ich mir für eine Stunde ein Kayak und mache mich auf in die Gewässer Fürstenbergs. Die Sonne steht noch hoch an diesem Nachmittag gegen 16 Uhr und der freundiche Herr in der Mietstation bietet mir seine Sonnencreme an. Ich lehne dankend ab und merke eine halbe Stunde später wie stark mir die Sonne auf den Pelz brennt.

Vor Sonneneinstrahlung warnt das Leitsystem auf den Gewässern des Naturparks nicht. Aber das ist ja auch nicht seine vornehmliche Aufgabe – so viel sollte jeder Tourist noch selbst mitdenken.

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Mein Besuch im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land ist Teil einer vierwöchigen Fahrradtour durch Brandenburg, auf der ich mir EU-geförderte Projekte ansehe. Über das energieautarke Dorf Feldheim und die Wildsamenzüchter von Jänschwalde habe ich hier im Funkloch ja bereits berichtet.

Auf brandenburg-da-geht-was.de blogge ich etwa alle zwei Tage über meine Erlebnisse und stelle geförderte Projekte und Unternehmungen vor. Schau doch mal vorbei.

 

Autor

Ich bin Steven, 28 Jahre alt und der Autor dieses Blogs über Reisen, Natur und Nachhaltigkeit. Schön, dass du hier bist. Projektvorschläge, interessante Themen oder Kritik nutze gerne die Kommentarfunktion oder verbinde dich mit mir auf Facebook oder Twitter.

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